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Eliska
11.07.2002, 19:08
Besonders gefährdet sind junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren. Das geht aus den Berichten von drei UN-Organisationen hervor.

Die Immunschwächekrankheit Aids wird in den kommenden 20 Jahren allein in den am meisten betroffen Ländern 68 Millionen Menschen das Leben kosten, falls nichts Entscheidendes geschieht. Das zeigt ein Bericht der Vereinten Nationen.

Besonders gefährdet seien demnach schlecht oder gar nicht informierte junge Menschen. Knapp jeder Zweite, der sich weltweit neu infiziert, sei ein junger Mensch zwischen 15 und 24 Jahren. Die Daten veröfentlichten drei UN-Organisationen am Dienstag in New York.


„Jeden Tag infizieren sich 6000 junge Menschen“

„Jeden Tag infizieren sich 6000 junge Menschen mit HIV. Jede dieser Infektionen könnte verhindert werden“, sagte der Direktor des UN-Programms zur Aidsbekämpfung (UNAIDS), Peter Piot.

Eine Studie des Kinderhilfswerkes UNICEF in 60 Ländern ergab: Die Mehrheit von ihnen hat keine Ahnung, wie Aids übertragen wird, und wie sie sich davor schützen kann.

Prävention sei machbar und kostengünstig, sagte Piot in New York. Für durchschnittlich 8 Euro im Jahr könnte jeder junge Mensch, der noch die Schulbank drückt, informiert und in praktischer Aids-Vorsorge unterrichtet werden. Dass solche Aufklärung Früchte trage, zeigten Länder wie Uganda und Thailand, schreiben UNAIDS, UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation WHO in dem Bericht „Junge Menschen mit HIV/AIDS: Chancen in der Krise“.


Ungeschützter Sex nimmt in Westeuropa zu

Nach Angaben europäischer Aids-Experten nimmt selbst in Westeuropa der ungeschützte Sex und damit das Risiko für die Verbreitung von Aids wieder zu. Der Anstieg ungeschützter Sexpraktiken, eine höhere Partnerzahl und die immer niedrigere Altersschwelle für erste sexuelle Kontakte trügen zu einer Erhöhung des Infektionsrisikos bei.

Dies erklärte Angus Nicoll vom britischen Gesundheitsdienst in London mit Hinweis auf Studien des Europäischen Zentrums für HIV und Aids in Paris. Demnach hätten beispielsweise 38 Prozent der HIV-positiven Männer angegeben, im Jahr 2000 ungeschützten Sex mit Männern praktiziert zu haben. 1997 seien es 26 Prozent gewesen.

Weltweit verbreite sich die Immunschwächekrankheit schneller und weiter als befürchtet und schlage tiefere Breschen, als Experten es je für möglich gehalten hatten, warnt UNAIDS. Falls es keinen Durchbruch in der Aidsbekämpfung gibt, werden in den 45 am stärksten betroffenen Länder fünf Mal so viele Erkrankte in den kommenden 20 Jahren sterben, wie zwischen 1980 und 2000.


20 Millionen Tote seit beginn der Epidemie

Damit würden 68 Millionen Menschen allein dort Opfer der Viren. Seit Beginn der Aidsepidemie sind den UN zufolge weltweit mehr als 20 Millionen Menschen gestorben, 3 Millionen davon in 2001.

Derzeit sind nach Angaben von UNAIDS bereits 39 Prozent aller Erwachsenen in Botswana mit dem Erreger infiziert. Dort und in anderen Ländern des südlichen Afrikas drohe die Hälfte aller jungen Mütter, dem Virus zu erliegen.

In China sei die Zahl der gemeldeten HIV-Infektionen im ersten Halbjahr 2001 um knapp 70 Prozent angestiegen. Auch in Indonesien gewinne das Virus regional rapide an Boden. Allein in Indien leben dem Bericht zufolge knapp vier Millionen Menschen mit dem Aids-Virus. Es wird nur noch von Südafrika übertroffen.

In sieben Ländern südlich der Sahara ist die Sterberate bei Kindern unter fünf Jahren durch HIV/Aids um 20 bis 40 Prozent gestiegen. Südafrikaner zwischen 15 und 34 (rpt 34) Jahren werden von 2010 an ein 17-fach höheres Risiko tragen, frühzeitig zu sterben, wie sie es ohne HIV/Aids gehabt hätten.


Anstieg der Zahl der Aidswaisen

Ähnlich dramatisch klettert die Zahl der Aidswaisen an, die einen oder beide Elternteile durch Aids verloren haben: rund 14 Millionen nach letztem Stand. Generell treibt die Epidemie Not leidende Menschen noch weiter in die Armut. Dadurch müssen Kinder ein Zubrot verdienen und können nicht in die Schule gehen. In Simbabwe zum Beispiel werden 2010 rund ein Viertel weniger Kinder die Grundschule besuchen können.

Die UN-Organisationen wiesen zudem auf einen eklatanten Medikamentenmangel in den ärmeren Ländern hin: Die wirksamen, aber kostspieligen antiretroviralen Mittel stünden dort Ende 2001 gerade 230 000 Patienten - oder 4 Prozent der Klientel - zur Verfügung. In den Industrieländern dagegen hatten zur gleichen Zeit sechs Millionen Menschen die Mittel in Gebrauch. Sie können Viren nicht komplett töten das Voranschreiten der Krankheit jedoch deutlich verzögern.

(sueddeutsche.de/dpa)

Eliska
11.07.2002, 19:09
Aids kommt wieder - diesmal aus Russland. Die Geschichte eines Irrtums

von Harro Albrecht

Der erste Schrecken ist vorbei, und die Öffentlichkeit wiegt sich in der trügerischen Sicherheit, die Seuche sei unter Kontrolle. Doch Aids bedroht die Menschheit nach wie vor, auch wenn auf dem 14. Welt-Aids-Kongress in Barcelona deutlich gemacht worden ist, dass es Fortschritte gegeben hat. Die pharmazeutische Industrie verlangt nur noch einen Bruchteil des früheren Preises für ihre Medikamente. Der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki leugnet nicht mehr den Zusammenhang zwischen Aids und HI-Virus und lässt die Aids-Medikamente endlich einführen. Das Beispiel Uganda zeigt, dass dank massiver Aufklärungsprogramme auch in Afrika die Zahl der jährlich neu Infizierten deutlich sinken kann.

In den Industriestaaten hat sich derweil die Krankheit nur scheinbar zu einem Randphänomen verflüchtigt. Die Infektionsraten, auch wenn sie wieder leicht steigen, bewegen sich insgesamt auf einem niedrigen Niveau stabil. Und selbst für die von der Seuche Heimgesuchten gibt es inzwischen Erleichterung. Sie müssen nicht mehr jeden Tag ganze Hände voll Tabletten schlucken, es reichen meist drei oder vier Pillen.

Also alles im Griff? HIV wäre nicht das heimtückischste Virus seit Menschengedenken, wenn es sich so leicht in Schach halten ließe. Aids wird gern mit der Pest verglichen, doch die Immunschwächekrankheit ist tückischer. Die Pest schlägt so schnell und hart zu, dass jeder sie bemerkt und sich in Sicherheit bringt. Die große Vernichtungskraft der HIV-Seuche liegt in der perfiden Art, mit der sie unser psychologisches Alarmsystem für Gefahrenmomente unterläuft. Sie fällt über die Industrieländer in Wellen her. Die Pausen, die dazwischenliegen, sind lang genug, um alle guten Vorsätze für Safer Sex wieder zu vergessen.


Kaliningrad liegt bei Uganda

Der Westen hat den Aids-Erreger nicht nur in das ferne Afrika und Asien exportiert, sondern auch in das benachbarte Osteuropa. Dort explodiert derzeit die Zahl der Infektionen. In einigen Gegenden ist sie inzwischen höher als in Südafrika. Wenn das so weitergeht, haben Wissenschaftler des Londoner Imperial College gerade errechnet, könnten in fünf Jahren fünf Prozent aller erwachsenen Russen den Aids-Erreger tragen. Das ist der Prozentsatz, den die Aids-Hochburg Uganda heute noch zu beklagen hat.

Osteuropa liegt nebenan. Nur 400 Kilometer von Berlin entfernt, in Kaliningrad, dem früheren Königsberg, soll ein Fünftel aller russischen HIV-Positiven leben. Von dort droht das Virus zurückzukommen. Sextouristen und Fernfahrer schleppen das Virus bereits wieder ein. Es befällt eine sorg- und ahnungslose westeuropäische Bevölkerung, für die das Aids-Problem nicht mehr zu existieren scheint. Längst betreiben die Menschen wieder ungeschützten Geschlechtsverkehr. Das zeigt sich auch an der wachsenden Zahl von Syphilis-Fällen und anderen Geschlechtskrankheiten in Deutschland. Das HI-Virus hat hier ein leichtes Spiel, und die Experten rechnen damit, dass schon in zwei bis drei Jahren die Zahl der gemeldeten HIV-Infektionen in Westeuropa sprunghaft steigen wird.


Das Virus wütet im Osten

In den vergangenen Jahren hat sich die Aids-Debatte nur noch um Sex in Afrika gedreht, um den afrikanischen Männlichkeitswahn und um afrikanische Mythen. Jetzt muss man wieder nach Europa blicken - vor allem in dessen Osten. Dort liegt der Fall anders als in Afrika: Das Gesundheitssystem ist zerfallen, ein großer Teil der Menschen ist arbeitslos, die Zahl der Fixer nimmt dramatisch zu. Drogenabhängige schlafen mit Nichtdrogenabhängigen, und kaum jemand benutzt Kondome.

Es fehlt vor allem an Informationen über das HI-Virus und an Geld für die dringend benötigten Aufklärungsprogramme. Der Kampf gegen dieses Virus, das ist die Lehre im 21. Jahr nach seiner Entdeckung, muss immer im Kopf beginnen.

Der Westen aber setzt im Osten andere Prioritäten. Gerade erst hat die Gemeinschaft der G-8-Staaten ein 20-Milliarden-Dollar-Programm zur Entsorgung russischer Atomraketen beschlossen. Man will verhindern, dass nukleares Material in die Hände von Terroristen kommt. Eine hohe Investition gegen ein theoretisches Schreckensszenario. Größer ist die Gefahr, dass in Osteuropa die arbeitende Bevölkerung stirbt und die Seuche von dort aus zurückkehrt. In Wirklichkeit befinden wir uns gegenwärtig im Frühstadium der globalen Aids-Epidemie.

DIE ZEIT