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Vollständige Version anzeigen : Geld gegen Gefahr


Eliska
12.07.2002, 14:15
Impfprogramme haben schon etliche Epidemien verhindert. Das kostet nicht viel. Dennoch ist es schwierig, weltweite Aktionen zu bezahlen

In Europa gibt es keine Polio mehr, sagt die WHO.
Doch die Masern machen Probleme..


Eckart Klaus Roloff

So einfach wäre das Problem zu lösen. Jeder Deutsche bräuchte nur etwas mehr als drei Euro zu spenden, und schon wären die 275 Millionen Dollar zusammen, die Unicef so verzweifelt sucht. Damit ließe sich die Erde von einer Last befreien: von der Kinderlähmung. Die Ausgabe würde sich amortisieren. "In einer Welt ohne diese Krankheit würden Jahr für Jahr 1,5 Milliarden Dollar an Kosten wegfallen, die derzeit für Impfkampagnen, Behandlung, Rehabilitation und Kontrollsysteme bezahlt werden", sagt Unicef, das Kinderhilfswerk der Uno.
Unicef, die Rotarier und andere Stellen haben dafür schon viele Millionen Dollar aufgewendet. Jetzt gab es mit der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, Besonderes zu melden: In Europa ist die Kinderlähmung besiegt. "Das ist eine wunderbare Botschaft, eine Erfolgsgeschichte ohne Beispiel", kommentiert WHO-Regionalchef Marc Danzon. Sie hat damit zu tun, dass in Europa seit drei Jahren, seit dem türkischen Jungen Melik Minas, kein einheimischer Fall mehr auftrat.
Damit ist Europa nach Nord- und Südamerika sowie Australien/Ozeanien der dritte Erdteil, der als poliofrei gilt. Um das weltweit zu schaffen, müssten allein in diesem Jahr 575 Millionen Kinder in 94 Ländern geimpft werden. Das kostet viel Geld, doch pro Kind ist es sehr wenig. Es fehlt trotzdem.


Wenige Cent genügen

"Wenn man bedenkt, dass die orale Impfung nur wenige Cent kostet, ist das Schicksal der Kinder nicht hinzunehmen", meint der Bremer Arzt Klaus Eckert, der auch in Indien und Nepal arbeitet. Er ist dankbar dafür, dass manche Pharmafirmen den Polioimpfstoff gratis zur Verfügung stellen.
In etlichen Ländern Asiens und Afrikas ist die Poliogefahr hoch. Von Kriegen und Krisen schwer verletzte Regionen wie Afghanistan, Indien, Pakistan, Nepal, Nigeria, Angola, Somalia, Sudan und andere sind gegen die hoch ansteckenden Viren nicht genug geschützt. Sie übertragen sich rasch, jedoch nur von Mensch zu Mensch.
Da es seit den fünfziger Jahren dank der Amerikaner Jonas Salk und Albert Sabin Impfstoffe gibt, sind die Zahlen eindrucksvoll zurückgegangen. Traten früher in großen Ländern jährlich Zehntausende von Fällen auf, waren es 1999 weltweit offiziell nur noch etwa 7000, im vergangenen Jahr in zehn Ländern lediglich 480. Doch die Dunkelziffer ist hoch, ebenso das Risiko.
Engagiert sind WHO, Unicef und Rotarier dabei, den Erreger weltweit durch weitere Impfaktionen auszurotten, wie das mit den Pocken schon gelang und, so WHO-Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland, auch mit der Malaria geplant ist. An sich wollte man das Polioziel schon jetzt erreichen, doch das misslang. Nun heißt das Ziel 2005. "Gerade weil schon so viel investiert wurde, wäre es völlig unverständlich, wenn die noch nötigen 275 Millionen Dollar nicht zusammenkommen", meint Unicef-Sprecherin Helga Kuhn.
"Die nächsten zwölf bis 18 Monate werden über den Erfolg entscheiden", sagt Bruce Aylward, Leiter des WHO-Programms. Im "New Scientist" hat er sich Ende 2001 noch skeptisch geäußert: "Eine Welt frei von Kinderlähmung im Jahr 2005 ist nur möglich, wenn die Fälle in Indien, Pakistan und Nigeria ganz schnell zurückgehen, doch diese Regionen sind sehr resistent." Überbevölkerung und Klimaerwärmung begünstigen die Viren.
So gut die Nachricht vom Ende der Polio in Europa ist, so klar wird auch dies: Voraussetzung war das Impfen. Und nur weiteres Impfen sichert den Erfolg. Wer es für überflüssig hält, riskiert die Rückkehr von Epidemien. Dass sie nichts Fernes sind, nichts nur Theoretisches, zeigen die Masern.


Viren mitten unter uns

Deren Viren sind unter uns; in letzter Zeit traten sie verstärkt in Coburg, Aachen und Leer auf. Kürzlich traf es Italien noch härter. Seit Anfang 2002 gab es dort fast 20000 Fälle von Masern, die meisten nahe Neapel. So schlimm war es seit 30 Jahren nicht mehr. "Alles unter Kontrolle, die Epidemie ist zu Ende", heißt es erst jetzt im italienischen Gesundheitsministerium. Der Arzt Donato Grecco von der Gesundheitsbehörde in Rom weiß, warum es so heftig kam: "Dort im Süden gibt es Gebiete, in denen die Impfquote unter 50 Prozent liegt."
"Eine ähnliche Epidemie kann auch bei uns passieren", meint Jan Leidel, Chef des Kölner Gesundheitsamtes. Immer wieder weisen Behörden und Kinderärzte darauf hin, dass Kleinkinder zweimal geimpft werden müssen, um vor Masern (und zugleich vor Mumps und Röteln) geschützt zu sein. Zu oft wird die zweite Impfung als entbehrlich angesehen. "In Köln liegt die Quote für die erste Impfung bei 85 Prozent", so Leidel, "doch Sechsjährige sind nur zu gut zehn Prozent zweimal geimpft." Ideal wäre wie bei Polio eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent.
"Masern sind keine leicht zu nehmende Kinderkrankheit, die Impfung sollte unbedingt erfolgen", sagt RKI-Präsident Reinhard Kurth. Weltweit sterben jährlich mehr als 800000 Kinder an Masern, die meisten in Zentralafrika. "Im Fall Süditalien rate ich dringend, sich ausreichend impfen zu lassen", meint Klaus Gritz, der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, "denn auch Erwachsene können sich infizieren, die die Krankheit noch nicht durchgemacht haben oder ungeimpft sind." Der Schutz beginnt erst zehn Tage nach der Injektion. Auch deshalb ist es wichtig, bei der Vorsorge rechtzeitig vorzusorgen.

Unicef erbittet dringend Spenden auf das Konto 300000 bei der Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 37020500. Das Stichwort Polio sichert die zielgerechte Verwendung des Betrages.

Weitere Informationen unter
www.unicef.de
www.who.int/inf
www.rki.de
www.agmasern.de
www.kinderheilkunde.org


Rheinischer Merkur