Eliska
14.07.2002, 10:09
Gesundheit sei die neue Religion, behaupten Kritiker des Fitneß-Booms. Und übersehen Wesentliches: die Oberfläche
Von Sascha Lehnartz
So sieht also eine Widerstandsbewegung aus:
Im Foyer des Maternus-Hauses der Thomas-Morus-Akademie in Köln hat sich eine Hundertschaft Rentner versammelt, um gegen „Diätsadisten, Gesundheitswahn und den Fitneßkult“ zu opponieren. Allerdings wirken die wenigsten hier so, als hätten sie sich je in ihrem Leben von Diätsadisten terrorisieren lassen, außer vielleicht im Hungerwinter 45/46. Wohlgenährte Damen umlagern rauchend und hustend einen meterhohen Stehaschenbecher im Foyer. Sie sind eindeutig nicht dem Gesundheitswahn verfallen. Und bei jenem Herrn, der sich da mittels Gehhilfe zu seinem Stuhl schleppt, muß man fürchten, schon die Frage, weshalb er sich auf seine alten Tage noch vom Fitneßkult verfolgt fühle, könne einen Ausfall seines mobilen Beatmungsgerätes provozieren. Doch alle sind gekommen, um Dr. Manfred Lütz zuzuhören, dem Chefarzt eines psychiatrischen Krankenhauses in Köln und Autor des Buches „LebensLust“.
Im Markt der Gesundheitsgurus positioniert Lütz sich als Gegen-Strunz. Während der dauergebräunte Jogging-Jesus seine vergleichsweise schlichte Botschaft („Laufen Sie, lächeln Sie“) inzwischen in 14 verschiedenen Büchern etwa zwei Millionen Mal unters Volk gebracht hat, propagiert Lütz die Antithese. Laufen strenge an, lecker essen dagegen hebe die Lebenslust, und „forever young“ sei einfach Quatsch. Den Gesundheitswahn geißelt Lütz als moderne Ersatzreligion.
Wesentliche Merkmale tradierter Religionen seien inzwischen im Gesundheitswesen erkennbar: „Halbgötter in Weiß, Wallfahrten zu Spezialisten, Krankenhäuser als Kathedralen unserer Zeit“. Ewiges Leben und Glückseligkeit erwarte kaum noch jemand von Gott, sondern von Medizinern, Psychotherapeuten, Fitneßtrainern und ähnlich unterqualifiziertem Bodenpersonal. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiere Gesundheit als „völliges körperliches und soziales Wohlbefinden“ und etabliere damit einen durch und durch utopischen Gesundheitsbegriff. Lütz hält es mit Nietzsche, der nach derzeitigem Forschungsstand nie Mitglied eines Fitneßclubs war und Gesundheit definierte als „dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen“.
Lütz, begabt mit dem Humor eines rheinischen Kaffeetafel-Entertainers, trägt seine Thesen schwungvoll vor, verbindet launig wiederaufbereitetes christlich-abendländisches Bildungsgut mit wertkonservativer Kulturkritik, plädiert dafür, Krankheit als Chance zu begreifen, und teilt Seitenhiebe gegen die Stammzellenforschung aus. All das ist unterhaltsam, selten komplett verkehrt, allerdings auch selten präzise in der Analyse. Daß er großzügig gleich zwei weltlichen Institutionen den Status moderner Kathedralen verleiht - Krankenhäusern und Fitneßstudios -, weist auf eine entscheidende Unschärfe seiner Polemik. Lütz übersieht, daß der Wellness- und der Fitneß-Boom keineswegs nur Symptome einer kollektiven Gesundheitsobsession sind. Denn gerade die aktivsten Jünger des Fitneßkultes scheren sich herzlich wenig um ihre Gesundheit. Sie setzen sie sogar häufig durch exzessives Training und fröhlichen Steroidkonsum aufs Spiel. Nach einer Studie des niedersächsischen Innenministeriums dopt jeder fünfte Bodybuilder in Deutschland. Fitneßbewegte leisten keinen religiösen Dienst an ihrer Gesundheit, sie verfolgen im Gegenteil ein ausgesprochen profanes Ziel: Sie wollen nackt besser aussehen.
Das geben sie allerdings nur selten zu. Die Universität Yale führte vor einigen Jahren eine Umfrage unter männlichen homosexuellen und heterosexuellen Fitneßstudio-Besuchern durch. Die meisten Homosexuellen antworteten auf die Frage, warum sie trainierten: „um besser auszusehen“. Die Heterosexuellen nannten dagegen vor allem „Gesundheit“ oder „Vergnügen“ als Gründe. Was beweist, daß Heteros in Umfragen häufiger schummeln als Schwule.
Da die Arbeit am eigenen Körper noch immer im Ruch der „Oberflächlichkeit“ steht, sublimieren die Anbieter auf dem Fitneßmarkt das chronisch schlechte Gewissen ihrer kritisch-theoretisch geschulten Kunden mit der Propagandalüge, es gehe gar nicht um Sixpack-Bauchmuskeln und Shakira-Hintern - und damit letztlich um den Wunsch nach häufigerem und lauterem Sex -, sondern vielmehr um „Gesundheit“ oder wenigstens „ganzheitliches Wohlbefinden“. Die Dialektik der Fitneßökonomie besteht darin, daß sie vordergründig behauptet, sie ziele auf ein Wesentliches, dabei geht es ihr im wesentlichen um die Oberfläche.
Wie stark der Wunsch nach Oberflächenveredelung inzwischen geworden ist, läßt sich an Zahlen ablesen. Der Fitneßmarkt ist in Deutschland während der vergangenen zehn Jahre um das Vierfache gewachsen, in mehr als 6550 Sportstudios stählen sich heute rund fünfeinhalb Millionen Mitglieder. In drei bis fünf Jahren sollen es doppelt so viele sein. Zurückzuführen ist der Boom zum einen auf geschicktes Packaging und Marketing, auf das nicht nur Lütz hereinfällt. Unter dem Label „Wellness“ verkauft die Branche inzwischen noch der bewegungsfaulsten Bratwurst die Hoffnung auf eine straffere Pelle. Wer Hanteln und Hopsen haßt, dem bleiben immer noch Qi Gong, Walgesänge zu Ayurveda und Aromatherapie. Entscheidender für den Erfolg dürften indes zwei andere Faktoren sein: die flächendeckende mediale Versorgung mit Bildern von perfekten Astralkörpern - und eine nachhaltige Krise männlichen Selbstbewußtseins.
Bis in die frühen achtziger Jahre hinein war Fitneß etwas für wollbestrumpfte Anhängerinnen alternder Hollywood-Schauspielerinnen und Anabolika-affine Eisenbeißer in schlecht deodorierten Muskelbuden. Dann zog der nackte Mann in die Werbung ein. In Deutschland erstmals in einer Kampagne mit dem Slogan „Mann geht nicht mehr ohne“ für das heute zu Recht nicht mehr zu riechende Kaufhausregal-After-shave „Care“. Stilbildender für die Darstellung von Männerkörpern in der westlichen Welt war jedoch jener Levi's-Spot aus dem Jahre 1985, in dem sich Nick Kamen zu Marvin Gayes „I Heard It Through The Grapevine“ in einem Waschsalon bis auf die Boxershorts auszog. Erstmals wurde hier in einer Mainstream-Kampagne ein Männerkörper so inszeniert wie sonst nur Frauenkörper: als Objekt der Begierde. Zugleich sandte Kamens Waschbrettbauch eine klare Botschaft an eine zunehmend verunsicherte Männergeneration: Du siehst nicht gut genug aus.
So etwas redete die Ästhetik des Marktes bis dahin nur Frauen ein. Wie Männer aussahen, war egal. John Wayne hatte eine Wampe, Humphrey Bogart war ein Zwerg. Ihr Heldenpotential minderte das nicht. Heute würden sie nicht einmal das Casting zu einer Vorabendserie überstehen. Ihre Abdomina konnten diese Heroen vernachlässigen, solange sie ihre maskulinen Kernfunktionen erfüllten: Ernährer, Erzeuger, Beschützer. Dann jedoch brachten Emanzipation und medizinischer Fortschritt die Männer immer öfter um die Erfüllung ihrer ureigenen Aufgaben. Und die Herren der Schöpfung reagierten, indem sie sich der Ausbildung sekundärer Männlichkeitsmerkmale wie der Oberkörpermuskulatur widmeten, um von ihrer schwindenden Bedeutung abzulenken.
Dabei entwickelten sie nicht selten eine krankhafte Obsession für den eigenen Körper. Der Psychiater Harrison Pope und der Psychologe Roberto Olivardia von der Harvard Medical School sowie die Medizinerin Katharine Phillips von der Brown University sprechen bei Männern, die einem unerreichbaren Körperideal nachtrainieren, von einem „Adoniskomplex“. Im Extremfall kann dies zu einer „körperdysmorphen Störung“ führen, einer Art umgekehrter Magersucht. Der Betroffene trainiert immer weiter, weil er ständig glaubt, er habe zuwenig Muskeln. Eine Wahrnehmungsstörung, die nicht zuletzt auf steroidgedopte Models auf Magazintiteln wie „Men's Health“ zurückzuführen ist. Männliche Aktmodels im Magazin „Playgirl“ verloren in den vergangenen 25 Jahren im Durchschnitt 5,5 Kilo Fett und gewannen zwölf Kilo Muskelmasse. Auch bei Spielzeugfiguren wuchsen Brustkörbe und Bizeps auf galaktische Größen. Bei der Erstauflage der „Star Wars“- Spielfiguren 1977 verfügten Luke Skywalker und Han Solo über schlaksige Durchschnittskörper. Als Mark Hamill, der den Skywalker in dem Film spielte, die muskelbepackte Neuauflage der Figuren 1995 sah, rief er entsetzt: „O Gott, sie haben mir Steroide gegeben.“
Der durchtrainierte Körper ist längst zur Chiffre nicht nur für sexuellen, sondern auch für sozialen und beruflichen Erfolg geworden. In der Ikonographie des 20. Jahrhunderts sahen Wirtschaftsbosse lange Zeit aus wie bei Georg Grosz: übergewichtige Zigarrenraucher mit Glatze. Das Idealbild des heutigen Top-Managers ist der schlanke Asket. Womöglich auch deshalb rief man vergangene Woche nach Ferdinand Piëch, um die Telekom zu retten, nicht nach Martin Bangemann. Wer raucht und zu dick ist, hat sich auch sonst nicht unter Kontrolle, ist weniger leistungsfähig, kann kein Unternehmen erfolgreich leiten. „Vorzeitiger“ Haarausfall wird in Vorstandsetagen derzeit noch in Ausnahmefällen geduldet.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.7.2002
Von Sascha Lehnartz
So sieht also eine Widerstandsbewegung aus:
Im Foyer des Maternus-Hauses der Thomas-Morus-Akademie in Köln hat sich eine Hundertschaft Rentner versammelt, um gegen „Diätsadisten, Gesundheitswahn und den Fitneßkult“ zu opponieren. Allerdings wirken die wenigsten hier so, als hätten sie sich je in ihrem Leben von Diätsadisten terrorisieren lassen, außer vielleicht im Hungerwinter 45/46. Wohlgenährte Damen umlagern rauchend und hustend einen meterhohen Stehaschenbecher im Foyer. Sie sind eindeutig nicht dem Gesundheitswahn verfallen. Und bei jenem Herrn, der sich da mittels Gehhilfe zu seinem Stuhl schleppt, muß man fürchten, schon die Frage, weshalb er sich auf seine alten Tage noch vom Fitneßkult verfolgt fühle, könne einen Ausfall seines mobilen Beatmungsgerätes provozieren. Doch alle sind gekommen, um Dr. Manfred Lütz zuzuhören, dem Chefarzt eines psychiatrischen Krankenhauses in Köln und Autor des Buches „LebensLust“.
Im Markt der Gesundheitsgurus positioniert Lütz sich als Gegen-Strunz. Während der dauergebräunte Jogging-Jesus seine vergleichsweise schlichte Botschaft („Laufen Sie, lächeln Sie“) inzwischen in 14 verschiedenen Büchern etwa zwei Millionen Mal unters Volk gebracht hat, propagiert Lütz die Antithese. Laufen strenge an, lecker essen dagegen hebe die Lebenslust, und „forever young“ sei einfach Quatsch. Den Gesundheitswahn geißelt Lütz als moderne Ersatzreligion.
Wesentliche Merkmale tradierter Religionen seien inzwischen im Gesundheitswesen erkennbar: „Halbgötter in Weiß, Wallfahrten zu Spezialisten, Krankenhäuser als Kathedralen unserer Zeit“. Ewiges Leben und Glückseligkeit erwarte kaum noch jemand von Gott, sondern von Medizinern, Psychotherapeuten, Fitneßtrainern und ähnlich unterqualifiziertem Bodenpersonal. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiere Gesundheit als „völliges körperliches und soziales Wohlbefinden“ und etabliere damit einen durch und durch utopischen Gesundheitsbegriff. Lütz hält es mit Nietzsche, der nach derzeitigem Forschungsstand nie Mitglied eines Fitneßclubs war und Gesundheit definierte als „dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen“.
Lütz, begabt mit dem Humor eines rheinischen Kaffeetafel-Entertainers, trägt seine Thesen schwungvoll vor, verbindet launig wiederaufbereitetes christlich-abendländisches Bildungsgut mit wertkonservativer Kulturkritik, plädiert dafür, Krankheit als Chance zu begreifen, und teilt Seitenhiebe gegen die Stammzellenforschung aus. All das ist unterhaltsam, selten komplett verkehrt, allerdings auch selten präzise in der Analyse. Daß er großzügig gleich zwei weltlichen Institutionen den Status moderner Kathedralen verleiht - Krankenhäusern und Fitneßstudios -, weist auf eine entscheidende Unschärfe seiner Polemik. Lütz übersieht, daß der Wellness- und der Fitneß-Boom keineswegs nur Symptome einer kollektiven Gesundheitsobsession sind. Denn gerade die aktivsten Jünger des Fitneßkultes scheren sich herzlich wenig um ihre Gesundheit. Sie setzen sie sogar häufig durch exzessives Training und fröhlichen Steroidkonsum aufs Spiel. Nach einer Studie des niedersächsischen Innenministeriums dopt jeder fünfte Bodybuilder in Deutschland. Fitneßbewegte leisten keinen religiösen Dienst an ihrer Gesundheit, sie verfolgen im Gegenteil ein ausgesprochen profanes Ziel: Sie wollen nackt besser aussehen.
Das geben sie allerdings nur selten zu. Die Universität Yale führte vor einigen Jahren eine Umfrage unter männlichen homosexuellen und heterosexuellen Fitneßstudio-Besuchern durch. Die meisten Homosexuellen antworteten auf die Frage, warum sie trainierten: „um besser auszusehen“. Die Heterosexuellen nannten dagegen vor allem „Gesundheit“ oder „Vergnügen“ als Gründe. Was beweist, daß Heteros in Umfragen häufiger schummeln als Schwule.
Da die Arbeit am eigenen Körper noch immer im Ruch der „Oberflächlichkeit“ steht, sublimieren die Anbieter auf dem Fitneßmarkt das chronisch schlechte Gewissen ihrer kritisch-theoretisch geschulten Kunden mit der Propagandalüge, es gehe gar nicht um Sixpack-Bauchmuskeln und Shakira-Hintern - und damit letztlich um den Wunsch nach häufigerem und lauterem Sex -, sondern vielmehr um „Gesundheit“ oder wenigstens „ganzheitliches Wohlbefinden“. Die Dialektik der Fitneßökonomie besteht darin, daß sie vordergründig behauptet, sie ziele auf ein Wesentliches, dabei geht es ihr im wesentlichen um die Oberfläche.
Wie stark der Wunsch nach Oberflächenveredelung inzwischen geworden ist, läßt sich an Zahlen ablesen. Der Fitneßmarkt ist in Deutschland während der vergangenen zehn Jahre um das Vierfache gewachsen, in mehr als 6550 Sportstudios stählen sich heute rund fünfeinhalb Millionen Mitglieder. In drei bis fünf Jahren sollen es doppelt so viele sein. Zurückzuführen ist der Boom zum einen auf geschicktes Packaging und Marketing, auf das nicht nur Lütz hereinfällt. Unter dem Label „Wellness“ verkauft die Branche inzwischen noch der bewegungsfaulsten Bratwurst die Hoffnung auf eine straffere Pelle. Wer Hanteln und Hopsen haßt, dem bleiben immer noch Qi Gong, Walgesänge zu Ayurveda und Aromatherapie. Entscheidender für den Erfolg dürften indes zwei andere Faktoren sein: die flächendeckende mediale Versorgung mit Bildern von perfekten Astralkörpern - und eine nachhaltige Krise männlichen Selbstbewußtseins.
Bis in die frühen achtziger Jahre hinein war Fitneß etwas für wollbestrumpfte Anhängerinnen alternder Hollywood-Schauspielerinnen und Anabolika-affine Eisenbeißer in schlecht deodorierten Muskelbuden. Dann zog der nackte Mann in die Werbung ein. In Deutschland erstmals in einer Kampagne mit dem Slogan „Mann geht nicht mehr ohne“ für das heute zu Recht nicht mehr zu riechende Kaufhausregal-After-shave „Care“. Stilbildender für die Darstellung von Männerkörpern in der westlichen Welt war jedoch jener Levi's-Spot aus dem Jahre 1985, in dem sich Nick Kamen zu Marvin Gayes „I Heard It Through The Grapevine“ in einem Waschsalon bis auf die Boxershorts auszog. Erstmals wurde hier in einer Mainstream-Kampagne ein Männerkörper so inszeniert wie sonst nur Frauenkörper: als Objekt der Begierde. Zugleich sandte Kamens Waschbrettbauch eine klare Botschaft an eine zunehmend verunsicherte Männergeneration: Du siehst nicht gut genug aus.
So etwas redete die Ästhetik des Marktes bis dahin nur Frauen ein. Wie Männer aussahen, war egal. John Wayne hatte eine Wampe, Humphrey Bogart war ein Zwerg. Ihr Heldenpotential minderte das nicht. Heute würden sie nicht einmal das Casting zu einer Vorabendserie überstehen. Ihre Abdomina konnten diese Heroen vernachlässigen, solange sie ihre maskulinen Kernfunktionen erfüllten: Ernährer, Erzeuger, Beschützer. Dann jedoch brachten Emanzipation und medizinischer Fortschritt die Männer immer öfter um die Erfüllung ihrer ureigenen Aufgaben. Und die Herren der Schöpfung reagierten, indem sie sich der Ausbildung sekundärer Männlichkeitsmerkmale wie der Oberkörpermuskulatur widmeten, um von ihrer schwindenden Bedeutung abzulenken.
Dabei entwickelten sie nicht selten eine krankhafte Obsession für den eigenen Körper. Der Psychiater Harrison Pope und der Psychologe Roberto Olivardia von der Harvard Medical School sowie die Medizinerin Katharine Phillips von der Brown University sprechen bei Männern, die einem unerreichbaren Körperideal nachtrainieren, von einem „Adoniskomplex“. Im Extremfall kann dies zu einer „körperdysmorphen Störung“ führen, einer Art umgekehrter Magersucht. Der Betroffene trainiert immer weiter, weil er ständig glaubt, er habe zuwenig Muskeln. Eine Wahrnehmungsstörung, die nicht zuletzt auf steroidgedopte Models auf Magazintiteln wie „Men's Health“ zurückzuführen ist. Männliche Aktmodels im Magazin „Playgirl“ verloren in den vergangenen 25 Jahren im Durchschnitt 5,5 Kilo Fett und gewannen zwölf Kilo Muskelmasse. Auch bei Spielzeugfiguren wuchsen Brustkörbe und Bizeps auf galaktische Größen. Bei der Erstauflage der „Star Wars“- Spielfiguren 1977 verfügten Luke Skywalker und Han Solo über schlaksige Durchschnittskörper. Als Mark Hamill, der den Skywalker in dem Film spielte, die muskelbepackte Neuauflage der Figuren 1995 sah, rief er entsetzt: „O Gott, sie haben mir Steroide gegeben.“
Der durchtrainierte Körper ist längst zur Chiffre nicht nur für sexuellen, sondern auch für sozialen und beruflichen Erfolg geworden. In der Ikonographie des 20. Jahrhunderts sahen Wirtschaftsbosse lange Zeit aus wie bei Georg Grosz: übergewichtige Zigarrenraucher mit Glatze. Das Idealbild des heutigen Top-Managers ist der schlanke Asket. Womöglich auch deshalb rief man vergangene Woche nach Ferdinand Piëch, um die Telekom zu retten, nicht nach Martin Bangemann. Wer raucht und zu dick ist, hat sich auch sonst nicht unter Kontrolle, ist weniger leistungsfähig, kann kein Unternehmen erfolgreich leiten. „Vorzeitiger“ Haarausfall wird in Vorstandsetagen derzeit noch in Ausnahmefällen geduldet.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.7.2002