Eliska
14.07.2002, 10:14
Von Heinz Brestel
Himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt:
Erst wurden die Aktien hochgejubelt als unschlagbare Kapitalanlage, und nun die große Ernüchterung, tiefes Mißtrauen in die Institution Börse. Nach Tisch sind alle klüger. Der enttäuschte Effektenkunde läßt bei seiner Bank den Kopf hängen und pflegt gar nichts zu tun. Gemäß dem Motto „Irgendwann muß alles wieder besser werden“.
Doch wie war das denn in der Vergangenheit? Den Aktionären fielen eine Zeitlang die Gewinne nur so in den Schoß. Es war beinahe wie in der berühmten griechischen Sage vom König Midas, dem alles, was er anfaßte, zu purem Golde wurde. Er drohte am Ende zu verhungern und zu verdursten, weil sich auch sein täglich Brot und sein Wasser in Gold verwandelten. Nur durch ein Bad, das ihm die Götter gönnten, wurde er vom Golde befreit.
Heute sehnen sich so manche Aktiensparer nach einem befreienden Midas-Bad. Sie wissen, daß die Zeiten des leichten Geldverdienens an der Börse vorbei sind. Aber den Mut, wenigstens eine Weile aus dem Krisenmarkt herauszugehen, haben sie nicht. Das Prinzip Hoffnung überwiegt, derweil die Kurse immer weiter fallen. Dieses Denken wird in Deutschland durch die Steuergesetzgebung gefördert.
Aktienkursgewinne bleiben nur steuerfrei, wenn Papiere mindestens zwölf Monate lang gehalten wurden. Wer in kürzeren Zeitläufen denkt - so sagen die Politiker -, sei ein Spieler. Und der müsse bestraft werden.
In Wahrheit ist es genau umgekehrt. Das größere Risiko an den Weltbörsen liegt seit Frühjahr 2000 im Durchhalten. Der berühmte Börsenguru André Kostolany hatte zeit seines Lebens gelehrt, man werde mit Aktien auf jeden Fall Geld verdienen. Man brauche nur einige Qualitätspapiere zu kaufen, diese bei der Bank zu deponieren und dann noch ein paar Schlaftabletten bei der nächsten Apotheke erwerben. Wache man nach fünf Jahren auf, sei man reich.
Kostolany hatte viel in seinem Börsenleben erfahren. Aber was sich heute an den Märkten abspielt - die unglaubliche Korruption und Betrügerei, der Lug und Trug -, das alles hatte sich die Generation Kostolanys nicht träumen lassen. Wer nach des Altmeisters Rezept in die Baisse lief, fest davon überzeugt, daß der Rückschlag nur eine Episode sein würde, der steht heute vor einem Trümmerhaufen.
Kostolanys großer Irrtum war, daß er einfach die Zukunft der Aktienkurse - ausgehend von aktuellen Preisen - fortschrieb. Was Kostolany übersah, das waren die großen Zyklen, die es neben dem ständigen kurzfristigen Auf und Ab der Zinsen, des Wirtschaftswachstums und der Börsenkurse als Folge großer technischer Innovationen seit 200 Jahren immer wieder gab.
Auf Übertreibungsphasen folgten jeweils handfeste Krisen, und vielleicht erleben wir einen solchen Knick im Augenblick wieder. Die Zyklen-Theoretiker glauben, daß der Kommunikationszyklus, in dem wir heute leben, noch nicht abgeschlossen ist. Aber er werde sich in den nächsten zwei Jahrzehnten wesentlich langsamer fortentwickeln. Auch die Aktiengewinne werden - im Durchschnitt - jetzt nicht mehr so stürmisch wachsen wie vor dem Jahre 2000.
Wenn man nun erst 30 Jahre alt ist, mag man denken: „Ich habe ja Zeit, ich werde die weniger guten Jahre, die uns jetzt vielleicht noch bevorstehen, schon überleben.“ Aber mehr als ein Viertel aller Vermögensbesitzer ist heute älter als 60 Jahre. Sie müssen entweder von ihrem Ersparten leben, oder aber ihr Lebensstandard im Ruhestand zumindest wird wesentlich von jenem Vermögen abhängig sein, das am Ende nach der jetzigen Baisse übriggeblieben ist.
Und wenn es dann eines Tages doch wieder aufwärtsgehen wird?
Dann ist vielleicht ein Teil jener Aktiengesellschaften gar nicht mehr auf dem Kurszettel zu finden, auf die man in den fetten Jahren mal vertraut hatte. Mancher Sparer aber wird den nächsten goldenen Börsenzyklus gar nicht mehr erleben.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 7.7.2002
Himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt:
Erst wurden die Aktien hochgejubelt als unschlagbare Kapitalanlage, und nun die große Ernüchterung, tiefes Mißtrauen in die Institution Börse. Nach Tisch sind alle klüger. Der enttäuschte Effektenkunde läßt bei seiner Bank den Kopf hängen und pflegt gar nichts zu tun. Gemäß dem Motto „Irgendwann muß alles wieder besser werden“.
Doch wie war das denn in der Vergangenheit? Den Aktionären fielen eine Zeitlang die Gewinne nur so in den Schoß. Es war beinahe wie in der berühmten griechischen Sage vom König Midas, dem alles, was er anfaßte, zu purem Golde wurde. Er drohte am Ende zu verhungern und zu verdursten, weil sich auch sein täglich Brot und sein Wasser in Gold verwandelten. Nur durch ein Bad, das ihm die Götter gönnten, wurde er vom Golde befreit.
Heute sehnen sich so manche Aktiensparer nach einem befreienden Midas-Bad. Sie wissen, daß die Zeiten des leichten Geldverdienens an der Börse vorbei sind. Aber den Mut, wenigstens eine Weile aus dem Krisenmarkt herauszugehen, haben sie nicht. Das Prinzip Hoffnung überwiegt, derweil die Kurse immer weiter fallen. Dieses Denken wird in Deutschland durch die Steuergesetzgebung gefördert.
Aktienkursgewinne bleiben nur steuerfrei, wenn Papiere mindestens zwölf Monate lang gehalten wurden. Wer in kürzeren Zeitläufen denkt - so sagen die Politiker -, sei ein Spieler. Und der müsse bestraft werden.
In Wahrheit ist es genau umgekehrt. Das größere Risiko an den Weltbörsen liegt seit Frühjahr 2000 im Durchhalten. Der berühmte Börsenguru André Kostolany hatte zeit seines Lebens gelehrt, man werde mit Aktien auf jeden Fall Geld verdienen. Man brauche nur einige Qualitätspapiere zu kaufen, diese bei der Bank zu deponieren und dann noch ein paar Schlaftabletten bei der nächsten Apotheke erwerben. Wache man nach fünf Jahren auf, sei man reich.
Kostolany hatte viel in seinem Börsenleben erfahren. Aber was sich heute an den Märkten abspielt - die unglaubliche Korruption und Betrügerei, der Lug und Trug -, das alles hatte sich die Generation Kostolanys nicht träumen lassen. Wer nach des Altmeisters Rezept in die Baisse lief, fest davon überzeugt, daß der Rückschlag nur eine Episode sein würde, der steht heute vor einem Trümmerhaufen.
Kostolanys großer Irrtum war, daß er einfach die Zukunft der Aktienkurse - ausgehend von aktuellen Preisen - fortschrieb. Was Kostolany übersah, das waren die großen Zyklen, die es neben dem ständigen kurzfristigen Auf und Ab der Zinsen, des Wirtschaftswachstums und der Börsenkurse als Folge großer technischer Innovationen seit 200 Jahren immer wieder gab.
Auf Übertreibungsphasen folgten jeweils handfeste Krisen, und vielleicht erleben wir einen solchen Knick im Augenblick wieder. Die Zyklen-Theoretiker glauben, daß der Kommunikationszyklus, in dem wir heute leben, noch nicht abgeschlossen ist. Aber er werde sich in den nächsten zwei Jahrzehnten wesentlich langsamer fortentwickeln. Auch die Aktiengewinne werden - im Durchschnitt - jetzt nicht mehr so stürmisch wachsen wie vor dem Jahre 2000.
Wenn man nun erst 30 Jahre alt ist, mag man denken: „Ich habe ja Zeit, ich werde die weniger guten Jahre, die uns jetzt vielleicht noch bevorstehen, schon überleben.“ Aber mehr als ein Viertel aller Vermögensbesitzer ist heute älter als 60 Jahre. Sie müssen entweder von ihrem Ersparten leben, oder aber ihr Lebensstandard im Ruhestand zumindest wird wesentlich von jenem Vermögen abhängig sein, das am Ende nach der jetzigen Baisse übriggeblieben ist.
Und wenn es dann eines Tages doch wieder aufwärtsgehen wird?
Dann ist vielleicht ein Teil jener Aktiengesellschaften gar nicht mehr auf dem Kurszettel zu finden, auf die man in den fetten Jahren mal vertraut hatte. Mancher Sparer aber wird den nächsten goldenen Börsenzyklus gar nicht mehr erleben.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 7.7.2002