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Vollständige Version anzeigen : Lebensversicherer - Angst vor der Pleite


Eliska
19.07.2002, 23:00
Radikaler Wandel

Die erste Lebensversicherung steht schon unter Zwangsverwaltung, einige weitere werden in den nächsten Wochen dazukommen.


Von Robert Jacobi

Den Unternehmen geht das Geld aus, weil die Börsenkurse weiter fallen und die Zinsen niedrig bleiben. Es entsteht eine völlig paradoxe Situation: Während Versicherer in Schieflage geraten, sind ihre Produkte gefragter denn je.

„Die Marktsituation ist pervers“

Jeder zweite Deutsche hat inzwischen eine traditionelle Rentenversicherung. Die großen Versicherer haben im ersten Halbjahr bis zu einem Drittel mehr Policen verkauft als im Vorjahreszeitraum. Der Grund: Keine Anlageform wirft momentan bessere Renditen ab.

„Die Marktsituation ist pervers“, sagt Manfred Poweleit, Versicherungsexperte und Herausgeber des Map-Reports. „Es wackeln so viele Lebensversicherer wie noch nie.“ Längst geht es bei vielen Gesellschaften nicht mehr darum, ob und wie sie ihre Kunden am Überschuss beteiligen – sondern darum, ob sie den gesetzlich vorgeschriebenen Garantiezins von 3,25 Prozent bezahlen können.

Vor allem die kleineren Versicherer besitzen wegen der schwachen Kapitalmärkte keine Reserven mehr. Der Einbruch trifft die Unternehmen vor allem deshalb, weil sie dem Börsenboom der späten neunziger Jahre nicht widerstehen konnten und den Aktienanteil an ihren Kapitalanlagen im Branchendurchschnitt von acht auf 20 Prozent erhöht haben.

„Für ein so langfristiges Geschäft ist ein solcher Umbruch tödlich“, sagt Poweleit. Er sieht bei 20 bis 30 Versicherern „dringenden Handlungsbedarf“. Sie müssten die Überschussbeteiligung kräftig reduzieren und ihren Anlagebestand umbauen.

In den schlimmsten Fällen werde selbst das nicht reichen: „Bis zu zehn Lebensversicherungen brauchen Hilfe von außen“, sagt Poweleit – bis zur Zwangsverwaltung, wie sie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht bei der Familienfürsorge Lebensversicherung in Detmold angeordnet hat.

Hilfe für die Konkurrenz

Weil die Branche um ihren guten Ruf fürchtet, berät eine Vorstandsrunde beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft weiter über einen Rettungspool.

Kapitalstarke Versicherer sollen die gefährdeten Kleinen auffangen, um die erste Pleite der Nachkriegszeit in er Branche zu verhindern. „Die Lage ist dramatisch“, sagt Detlef Schneidawind, für Lebensversicherung zuständiger Vorstand der Münchener Rück, zu der die Ergo-Gruppe zählt. „Es geht bei einer Rettungsaktion nicht darum, für Fehler von Vorständen zu zahlen, sondern darum, dass alle Kunden die zugesagten Leistungen auch bekommen.“

Neben der Münchener Rück will sich auch die Allianz an einem Pool beteiligen. „Als Marktführer kann man sich solchen Bestrebungen nicht widersetzen“, sagt Michael Hessling, Vorstand bei Allianz Leben in Stuttgart. Die Branche müsse eine „vernünftige Lösung“ finden.

Allerdings bestehen die Vorstände auf klaren Regeln, um die betroffenen Häuser nicht in Sicherheit zu wiegen.

Auch wenn sie für den Pool aufkommen werden, profitieren die Großen von den Problemen den Konkurrenz: „Es gibt eindeutig eine Flucht in die Qualität“, stellt Branchenexperte Poweleit fest.

Seine Prognose: Von 120 würden in den nächsten fünf bis zehn Jahren 50 bis 60 Lebensversicherer verschwinden. Und zwar kaum durch Übernahmen: „Manche Gesellschaften sind schon so am Boden, dass keiner sie mehr will.“

SZ

Eliska
19.07.2002, 23:10
Nach dem Debakel an den Börsen macht sich bei den Bundesbürgern neue Angst breit: Ausgerechnet die mit 88 Millionen laufenden Verträgen am meisten verkaufte Altersvorsorge, die Lebensversicherung, gerät immer mehr in Schwierigkeiten.

Von Andreas Kunze

Sollte eine Lebensversicherung in Deutschland pleite gehen, können Kunden theoretisch einen Totalverlust erleiden. Einen Konkurssicherungsfonds wie bei den privaten Banken gibt es nicht.

Dass es wie in Japan spektakuläre Zusammenbrüche geben wird, halten die meisten Branchenkenner noch für unwahrscheinlich. „In jedem Fall werden die meisten Kunden jedoch bei Ablauf deutlich weniger herausbekommen, als ihnen prognostiziert wurde“, sagt der gerichtlich zugelassene Versicherungsberater Michael Kronenberg.

Er warnt vor übereilten Schritten: „Eine überhastete Kündigung schadet viel mehr.“ Wer innerhalb der letzten zwölf Monate abgeschlossen hat, kann laut Kronenberg aber unter Umständen ohne jeglichen Verlust die Police loswerden.


Grundsätzlich können Kunden folgendes tun:

Die Kündigung:

Für die meisten Kunden endet die Kündigung mit purem Entsetzen: Oft zahlt der Lebensversicherer nichts oder nur wenig der bis dahin geleisteten Prämien zurück.

Grund: In den ersten Versicherungsjahren werden die Prämien vor allem dafür verwendet, Abschlusskosten zu tilgen. Außerdem erhebt der Versicherer eine Stornostrafe. Die Kündigung bedeutet daher in der Regel einen erheblichen Verlust. Bestand der Vertrag noch keine zwölf Jahre, sind außerdem Kapitalerträge zu versteuern.


Die Beitragsfreistellung:

Gerne empfehlen Vertreter und Lebensversicherer diese Variante, wenn Kunden nicht mehr zahlen wollen oder können. Was fast immer verschwiegen wird: Die Beitragsfreistellung ist fast genauso verlustreich wie eine Kündigung.

Das bisher angesammelte Geld wird – nach Abzug der Stornostrafe wie bei der Kündigung – in eine neue Versicherung umgewandelt.

Vorteilhaft kann die Beitragsfreistellung sein, um ohne weitere Zahlungen die zwölfjährige Laufzeit zu erreichen und damit die Steuerfreiheit der Kapitalerträge.


Der Verkauf:

Eine Lebensversicherung lässt sich grundsätzlich auch verkaufen. Der neue Inhaber zahlt dem Verkäufer eine Art Abfindung und führt den Vertrag zu Ende. Er tut das, weil viele Verträge sich erst zum Ende hin lohnen.

Denn zum Ablauf zahlt der Lebensversicherer einen Treuebonus, der einen großen Teil der gesamten Überschussbeteiligung ausmacht. Allerdings sind Aufkäufer wie die Münchener Firma Cash-Life nur an Policen von soliden Lebensversicherern interessiert. Wer den Vertrag mit einem Wackelkandidaten loswerden will, hat also keine Chance.


Der Rücktritt:

Bei Lebensversicherungen kann der Verbraucher vom bereits geschlossenen Vertrag zurücktreten, und zwar innerhalb von 14 Tagen nach dem Abschluss. Der Vertrag gilt als geschlossen, wenn der Versicherer den Versicherungsschein, auch Police genannt, zuschickt.

Wenn eine Belehrung über Rücktrittsrecht unterblieben ist, kann der Kunde noch einen Monat nach der ersten Prämienzahlung den Rücktritt erklären.


Der Widerspruch:

Dies gilt bei Verbraucherschützern als Königsweg, um unliebsame Verträge ohne Schaden loszuwerden. Bis zu einem Jahr nach Zahlung der ersten Prämie kann noch der Widerspruch erklärt werden.

Sind die Voraussetzungen für einen Widerspruch erfüllt, muss der Versicherer die bis dahin geleisteten Prämien voll zurück erstatten.

Das Widerspruchsrecht wurde 1994 auf Druck der EU eingeführt. Mindestens 14 Tage lang soll der Kunde Zeit haben, seine Entscheidung zu überdenken. Die Frist beginnt erst dann zu laufen, wenn der Kunde Versicherungsbedingungen und Verbraucherinformationen erhalten hat.

Sind die Unterlagen unvollständig, verlängert sich das Widerspruchsrecht auf ein Jahr. Nach Ansicht der Verbraucherzentralen und des Bundes der Versicherten sind die meisten Informationen unvollständig, so dass sich in den meisten Fällen ein einjähriges Widerspruchsrecht ergeben würde.


Die Schadenersatz-Klage:

Mitte der 90er Jahre haben einige Lebensversicherer ihre Kunden bereits verschaukelt. Die Gesellschaften wussten, dass sie in ihrer Kalkulation von Privatrenten eine höhere Lebenserwartung würden berücksichtigen müssen – was sich negativ auf die Rentenhöhe auswirken würde.

Doch zunächst verkauften die Lebensversicherer die Policen noch mit alten Prognosezahlen einfach weiter. Das böse Erwachen kam bei den Kunden, als kurz nach Vertragsschluss die Privatrenten teilweise drastisch gekürzt wurden.

Einige Kunden erstritten daraufhin Schadenersatz (OLG Düsseldorf, Az 4 U 139/ 99). In einem Fall wurde ein Lebensversicherer sogar verurteilt, die zu hoch prognostizierte Rente tatsächlich zu zahlen (OLG Koblenz Az 10 U 1342/99).

Parallelen zur heutigen Situation sind unverkennbar:
Schon seit Jahren hätte den Lebensversicherern klar sein können, dass mit sicheren Zinspapieren die in Aussicht gestellte Verzinsung nicht zu erreichen ist.

SZ

nasdaq10.000
21.07.2002, 03:23
Nun wird auch der Chart der Deutschen Allianz (10 Jahre) verständlich:

http://cdchart.innovative-software.com/_common/informer/lib/chart/largechart.chart?Xun=weis10&bNews=0&disclaimer=ok&hiddenTimeFrame=1&iInd0=na&iInd1=1&iInd2=na&iIndcount=1&iType=1&minYear=678326400&sAv1=na&sAv2=200&sAv2count=1&sBench1=na&sBench2count=1&sBenchcount=1&sMarket=ALV.ETR&sOrdType=price&sScale=log&sSettings=na&sSymbol=ALV.ETR&sTimeframe=10Y&sTimestamp=711768600+1027128600+678326400&sid=a79a1c0b2b356f3e121a052243

Eliska
21.07.2002, 10:37
Danke, nasdaq! :)

Gruß
Eliska:)