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Vollständige Version anzeigen : Intrige? Kampagne? - Die Journalisten streiten's ab


Eliska
20.07.2002, 08:49
Wer in Berlin zu den Gerüchteköchen gehört, konnte am Tag nach der Entlassung Rudolf Scharpings ein Festmenü servieren

Von Jörn Lauterbach

Da wurden in den Kantinen der Parteizentralen und im Reichtstagsrestaurant die Köpfe zusammengesteckt und eine Geschichte erzählt, die grosso modo so geht: Der Informant des „Stern“ wurde von den Sozis selbst losgeschickt, um möglichst mächtige Medien im Sinne der Partei zu instrumentalisieren. „Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ hätten abgelehnt, aber der „Stern“, vermeintlich bekannt für seine Affinität zu schnellen Skandälchen, hat freudig zugegriffen. Als die Geschichte dann an den Kiosken lag, waren die Auftraggeber aus der Parteizentrale die ersten Nutznießer, um den bei den Wählern ungeliebten Verteidigungsminister loszuwerden. Und der spricht dann kurz nach seiner Demission auch von einer „Kampagne“ gegen ihn.

Das Gute an Verschwörungstheorien ist, dass sie sich weit interessanter anhören als alles, was dagegenspricht. Die beteiligten Journalisten von „Spiegel“, „SZ“ und „Stern“, allesamt bei weitem keine Neulinge im investigativen Geschäft, weisen jedenfalls jeden Verdacht zurück, sie hätten eine lancierte Geschichte auf dem Tisch gehabt. Als Informant diente allen offenbar ein ehemaliger Hunzinger-Mitarbeiter, der sich kurz vor seinem Rausschmiss als Computerexperte der PR-Agentur die belastenden Dokumente gesichert haben soll. Dann ging er damit hausieren und forderte Geld, viel Geld, von 200 000 Euro ist die Rede. Es spricht manches dafür, dass ein Emissär des Kanzleramts in den Verhandlungen weniger hoch gesteckte finanzielle Ziele verfolgt hätte.

Der stellvertretende „Spiegel“-Chefredakteur Joachim Preuß kann sich an die genaue Summe nicht mehr erinnern. Die Person, die das Geld für die Unterlagen einforderte, erschien ihm jedenfalls nicht „ganz koscher“. Der Preis und andere Vertragsbedingungen („irrwitzige Forderungen“) hätten schließlich dafür gesorgt, dass das Hamburger Nachrichtenmagazin nicht zugriff. „Sonst hätten wir es gemacht. Viele Teile der Unterlagen sind unstrittig und belastbar“, so Preuß. Und auch heute seien nicht alle Kollegen glücklich darüber, dass ausgerechnet der Hamburger Nachbar „Stern“ die Geschichte schließlich statt ihrer druckte.

SZ-Reporter Hans Leyendecker, der in seiner Karriere so manchen Minister den letzten Schubs von der Karriereleiter versetzte, konnte nach eigenen Angaben ebenfalls Einblick nehmen in einen Teil der Unterlagen. Am Montag erschien von ihm eine vergleichsweise unspektakuläre Geschichte, die kaum Wirkung erzielte. „Wenn sich der Pulverdampf verzogen haben wird, können alle sehen, dass die Vorwürfe an Scharping auch nicht mehr hergeben“, sagt er jetzt. Er sei von der Reaktion der Sozialdemokraten sehr überrascht. „Aber die ‚Stern‘-Geschichte“, so meint er, „ist handwerklich ordentlich gemacht.“

Dass der „Stern“ jeden Intrigen- und Kampagnenvorwurf zurückweist, überrascht wenig. Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung habe keine taktischen Gründe. Vor vier Wochen, so Hans-Ulrich Jörges, stellvertretender Chefredakteur des Magazins und Co-Autor des Scharping-Artikels, habe der Informant im Verlagshaus angeklingelt. Die Unterlagen seien sehr genau geprüft worden. Scharping habe um einige Tage Zeit gebeten, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Als dann am Montag der Leyendecker-Artikel und auch ein Stück in der „Bild“ erschien, habe man den Eindruck gewonnen, „dass wir von Scharping verladen werden“. Und so kam es ohne Scharping-Antworten zum Druck. Dass Scharping deswegen im Konflikt mit dem Kanzler gehen müsse, hat Jörges allerdings auch nicht geahnt: „Das ist schon heftig.“

DIE WELT