Eliska
21.07.2002, 09:01
Wenn die Entlassungswelle junge Hochqualifizierte trifft
Sascha Lehnartz
gibt in Deutschland Leute um die Dreißig, die bestens ausgebildet sind und etwas leisten wollen. Doch man läßt sie nicht. Statt dessen pflegt die Regierung lieber die alten Strukturen.
Douglas Couplands Roman "Generation X" erschien in Amerika 1991. Der Erfolg war auch in Deutschland beträchtlich, der Titel wurde zum geflügelten Wort. Im nachhinein ist das erstaunlich. Die Zeit für dieses Buch wird hier vielleicht jetzt erst reif.
Coupland erzählte von drei Leuten um die Dreißig, die das Gefühl beschlich, ihr Leben sei eigentlich schon vorbei. Die eben noch boomende Börse war kräftig abgeschmiert, die Elterngeneration blockierte die interessanten Jobs und saß zufrieden in abbezahlten Eigenheimen. Dem Nachwuchs schwante, daß er den Wohlstand seiner Erzeuger nie würde erreichen können. "Overeducated and underpaid" fühlte sich diese GenerationX, der trotz Studium anscheinend nur noch grenzdebile "McJobs" in Kettenläden wie "The Gap" oder "Starbucks" offenstanden. Die Protagonisten in dem Roman verzogen sich angesichts dieser Perspektive an den Rand der kalifornischen Wüste und erzählten sich dort krude Gutenachtgeschichten. Ihr Unbehagen an der Konsumkultur - an der sie mangels ausreichender Deckung der Kreditkarte nur unregelmäßig teilnehmen konnten - faßten sie in griffig-ironische Kategorien, die ihr Dasein WG-küchenphilosophisch auf den Begriff brachten.
Mit der Lage in Deutschland Anfang der neunziger Jahre hatte das nicht viel zu tun. Ironie war noch ein Fall für die Avantgarde. Studenten besaßen keine Kreditkarte, fanden aber immer einen Job, und sei es bei der Treuhandanstalt. Beim Wort "Dax" dachte man an ein Säugetier, von dem man nicht genau wußte, wie es aussah. Es gab keine "Starbucks"-Coffeeshops und keine "Gap"-Läden. Die Welt, von der Coupland erzählt, ist hier erst im Laufe des vergangenen Jahrzehnts entstanden.
Inzwischen gibt es in diesem Land junge Leute, deren Lebensläufe aussehen, als hätten sie sich zwei Human-Resources-Manager am Flipchart ausgedacht. Sie haben zielstrebig und flott studiert, Praktika absolviert, renommierte Universitäten im Ausland besucht. Sie sind mit MBA und Doktortiteln dekoriert und sprechen zwei bis neun Fremdsprachen. Ein "multi-ethnisches Arbeitsumfeld" ist für sie nicht beängstigend, sondern normal. Sie sind trotzdem in der Lage, bei Fußball-Weltmeisterschaften Deutschlandfähnchen so angenehm lässig zu schwenken wie keine Generation zuvor. Diese Leute sind - das geben selbst Ver.di-Mitglieder zu, wenn sie sich unbeobachtet fühlen - eigentlich diejenigen, die dieses Land dringend braucht, denn sie sind geistig längst schon da angekommen, wo wir alle früher oder später hinmüssen: in der Wirklichkeit einer globalen Wirtschaft.
Sie sind leistungsbereit, mobil, flexibel und - nicht zuletzt durch ihre Erfahrung im angelsächsischen Raum - neoliberal abgeklärt. Sie fürchten keine "amerikanischen Verhältnisse", denn sie kennen sie. Wettbewerb heißt für sie, daß man eher früher als später bekommt, was man will, wenn man nur wirklich will und alles dafür einsetzt. Das dachten sie jedenfalls bis jetzt.
Daß die Krise ausgerechnet sie erfassen könnte, stand nicht in ihrem Karriereplan. Menschen, für die es immer nur aufwärtsgehen sollte, stellen fest, daß es für ihren Traumjob keine Planstelle mehr gibt. Oder - was erheblich deprimierender ist - sie verlieren den Traumjob, weil man es in Deutschland für sozialverträglich hält, in Krisenzeiten die jüngsten Mitarbeiter zuerst zu entlassen. "An Ihrer Leistung lag es nicht", ruft man ihnen noch nach. An "Betriebszugehörigkeit" fehlte es. Ein Land, das in jüngster Zeit wirtschaftlich nicht geglänzt hat, schickt branchenübergreifend seine meistversprechenden Kräfte in die Warteschleife und wurschtelt mit denen weiter, die den Karren vor die Wand gefahren haben. Wer eben noch von der Karriere auf der Überholspur träumte, wird nun gebeten, "kompromißbereit" zu sein, "Umwege zu gehen".
Das "Manager-Magazin" malt sein Titelbild schwarz und schreit darauf die Frage "Betriebswirte - was nun?" in die finstere Nacht. Die Antwort im Heft: Es gebe noch Jobs, aber die seien halt "weniger sexy". Öffentliche Verwaltungen und Verkehrsbetriebe bräuchten noch Controller.
Wenig ermutigend auch, was Susan Bauer erzählt, die für die Beratungsfirma Kienbaum den "High Potential Pool" betreut, in dem vielversprechende Studenten bei der Karriereplanung begleitet werden. Die Stimmung sei inzwischen so schlecht, daß sich die Berater vor allem damit beschäftigen müßten, völlig deprimierte Bewerber psychologisch aufzurichten, sagt Susan Bauer. Gerade bei den begehrten Beratungsfirmen gehe derzeit wenig, weshalb man "Ausweichstrategien" vorschlage, Aufbaustudiengänge etwa oder eine Promotion.
Ausweichbewegungen, die man bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group mit Sorge verfolgt.
BCG-Geschäftsführer Martin Koehler vermutet gar den Beginn einer Massenpsychose bei möglichen Bewerbern. "Wie die Lemminge" verfielen sie allesamt dem allgemeinen Krisengerede. "Insecure High Potentials" nennt er die hochqualifizierten Sensibelchen, die einfach zu "risk aware" seien. Anstatt sich in Krisenzeiten zu bewerben, vertrieben sie ihre Zeit mit "resume polish ing" und warteten auf konjunkturelle Besserung, obwohl gute Leute auch jetzt gesucht würden.
Hoffentlich hat Koehler recht. Sonst sitzen Deutschlands High Potentials demnächst desillusioniert in WGs am Rande des Bayerischen Waldes, erzählen sich Gutenachtgeschichten und sticken zynische Sinnsprüche auf Sofakissen. Mit zehn Jahren Verspätung.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.7.2002
Sascha Lehnartz
gibt in Deutschland Leute um die Dreißig, die bestens ausgebildet sind und etwas leisten wollen. Doch man läßt sie nicht. Statt dessen pflegt die Regierung lieber die alten Strukturen.
Douglas Couplands Roman "Generation X" erschien in Amerika 1991. Der Erfolg war auch in Deutschland beträchtlich, der Titel wurde zum geflügelten Wort. Im nachhinein ist das erstaunlich. Die Zeit für dieses Buch wird hier vielleicht jetzt erst reif.
Coupland erzählte von drei Leuten um die Dreißig, die das Gefühl beschlich, ihr Leben sei eigentlich schon vorbei. Die eben noch boomende Börse war kräftig abgeschmiert, die Elterngeneration blockierte die interessanten Jobs und saß zufrieden in abbezahlten Eigenheimen. Dem Nachwuchs schwante, daß er den Wohlstand seiner Erzeuger nie würde erreichen können. "Overeducated and underpaid" fühlte sich diese GenerationX, der trotz Studium anscheinend nur noch grenzdebile "McJobs" in Kettenläden wie "The Gap" oder "Starbucks" offenstanden. Die Protagonisten in dem Roman verzogen sich angesichts dieser Perspektive an den Rand der kalifornischen Wüste und erzählten sich dort krude Gutenachtgeschichten. Ihr Unbehagen an der Konsumkultur - an der sie mangels ausreichender Deckung der Kreditkarte nur unregelmäßig teilnehmen konnten - faßten sie in griffig-ironische Kategorien, die ihr Dasein WG-küchenphilosophisch auf den Begriff brachten.
Mit der Lage in Deutschland Anfang der neunziger Jahre hatte das nicht viel zu tun. Ironie war noch ein Fall für die Avantgarde. Studenten besaßen keine Kreditkarte, fanden aber immer einen Job, und sei es bei der Treuhandanstalt. Beim Wort "Dax" dachte man an ein Säugetier, von dem man nicht genau wußte, wie es aussah. Es gab keine "Starbucks"-Coffeeshops und keine "Gap"-Läden. Die Welt, von der Coupland erzählt, ist hier erst im Laufe des vergangenen Jahrzehnts entstanden.
Inzwischen gibt es in diesem Land junge Leute, deren Lebensläufe aussehen, als hätten sie sich zwei Human-Resources-Manager am Flipchart ausgedacht. Sie haben zielstrebig und flott studiert, Praktika absolviert, renommierte Universitäten im Ausland besucht. Sie sind mit MBA und Doktortiteln dekoriert und sprechen zwei bis neun Fremdsprachen. Ein "multi-ethnisches Arbeitsumfeld" ist für sie nicht beängstigend, sondern normal. Sie sind trotzdem in der Lage, bei Fußball-Weltmeisterschaften Deutschlandfähnchen so angenehm lässig zu schwenken wie keine Generation zuvor. Diese Leute sind - das geben selbst Ver.di-Mitglieder zu, wenn sie sich unbeobachtet fühlen - eigentlich diejenigen, die dieses Land dringend braucht, denn sie sind geistig längst schon da angekommen, wo wir alle früher oder später hinmüssen: in der Wirklichkeit einer globalen Wirtschaft.
Sie sind leistungsbereit, mobil, flexibel und - nicht zuletzt durch ihre Erfahrung im angelsächsischen Raum - neoliberal abgeklärt. Sie fürchten keine "amerikanischen Verhältnisse", denn sie kennen sie. Wettbewerb heißt für sie, daß man eher früher als später bekommt, was man will, wenn man nur wirklich will und alles dafür einsetzt. Das dachten sie jedenfalls bis jetzt.
Daß die Krise ausgerechnet sie erfassen könnte, stand nicht in ihrem Karriereplan. Menschen, für die es immer nur aufwärtsgehen sollte, stellen fest, daß es für ihren Traumjob keine Planstelle mehr gibt. Oder - was erheblich deprimierender ist - sie verlieren den Traumjob, weil man es in Deutschland für sozialverträglich hält, in Krisenzeiten die jüngsten Mitarbeiter zuerst zu entlassen. "An Ihrer Leistung lag es nicht", ruft man ihnen noch nach. An "Betriebszugehörigkeit" fehlte es. Ein Land, das in jüngster Zeit wirtschaftlich nicht geglänzt hat, schickt branchenübergreifend seine meistversprechenden Kräfte in die Warteschleife und wurschtelt mit denen weiter, die den Karren vor die Wand gefahren haben. Wer eben noch von der Karriere auf der Überholspur träumte, wird nun gebeten, "kompromißbereit" zu sein, "Umwege zu gehen".
Das "Manager-Magazin" malt sein Titelbild schwarz und schreit darauf die Frage "Betriebswirte - was nun?" in die finstere Nacht. Die Antwort im Heft: Es gebe noch Jobs, aber die seien halt "weniger sexy". Öffentliche Verwaltungen und Verkehrsbetriebe bräuchten noch Controller.
Wenig ermutigend auch, was Susan Bauer erzählt, die für die Beratungsfirma Kienbaum den "High Potential Pool" betreut, in dem vielversprechende Studenten bei der Karriereplanung begleitet werden. Die Stimmung sei inzwischen so schlecht, daß sich die Berater vor allem damit beschäftigen müßten, völlig deprimierte Bewerber psychologisch aufzurichten, sagt Susan Bauer. Gerade bei den begehrten Beratungsfirmen gehe derzeit wenig, weshalb man "Ausweichstrategien" vorschlage, Aufbaustudiengänge etwa oder eine Promotion.
Ausweichbewegungen, die man bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group mit Sorge verfolgt.
BCG-Geschäftsführer Martin Koehler vermutet gar den Beginn einer Massenpsychose bei möglichen Bewerbern. "Wie die Lemminge" verfielen sie allesamt dem allgemeinen Krisengerede. "Insecure High Potentials" nennt er die hochqualifizierten Sensibelchen, die einfach zu "risk aware" seien. Anstatt sich in Krisenzeiten zu bewerben, vertrieben sie ihre Zeit mit "resume polish ing" und warteten auf konjunkturelle Besserung, obwohl gute Leute auch jetzt gesucht würden.
Hoffentlich hat Koehler recht. Sonst sitzen Deutschlands High Potentials demnächst desillusioniert in WGs am Rande des Bayerischen Waldes, erzählen sich Gutenachtgeschichten und sticken zynische Sinnsprüche auf Sofakissen. Mit zehn Jahren Verspätung.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.7.2002