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Eliska
27.07.2002, 10:12
Zum Abschluss des Architekturkongresses in Berlin:
Regionale Bautraditionen haben Zukunft

Von Dankwart Guratzsch

Wenn der UIA-Weltkongress der Architekten in Berlin eine von allen 6000 Teilnehmern vorbehaltlos bejahte Botschaft aussendet, dann diese: Die "Ressource Architektur" kann helfen, den ökologischen Kollaps der Weltzivilisation abzuwenden, die Bevölkerungsexplosion zu stoppen und den Völkern ein Leben in Menschenwürde und Freiheit zu sichern.
Das mag anmaßend klingen, scheint aber unter Einsatz heute schon verfügbarer Gebäudetechnologien und Ressourcen schonender Städtebaukonzepte nicht mehr illusionär.

Und noch eine zweite Vermutung wurde im Verlaufe des Kongresses bestätigt: Architekten und Stadtplaner müssen dabei den meisten Weltbeglückungs-Konzepten der architektonischen Moderne abschwören. Denn diese erwiesen sich als ein Irrweg, als ein Anschlag auf Lebensqualität und sozialen Frieden, weil sie die Lebensbedürfnisse und Selbstverwirklichungswünsche der Menschen missachtet haben.

Die Protagonisten der Moderne hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts Licht, Luft und Sonne gepredigt. In massenhaft produzierten uniformen "Wohnungen für das Existenzminimum" wollten sie einen "neuen Menschen" züchten. Soweit dieser die neue "Sprache" der Architektur nicht von selbst begriffe, müsse er notfalls dazu "erzogen" werden. Am Ende sollte die "neue Gesellschaft" stehen - eine unverfängliche Umschreibung des sozialistischen Gesellschaftsmodells. Aber diesem Gleichschaltungsversuch haben sich die Menschen entzogen.

Wie zahlreiche Referenten während des Kongresses mit Fallbeispielen aus allen Teilen der Erde belegen konnten, finden die Baukonzepte der Moderne immer weniger Akzeptanz. Die Globalisierung und die neuen Kommunikationstechnologien haben gleichzeitig eine Bewegung des Rückzugs, der Besinnung auf die Wurzeln der eigenen kulturellen Existenz ausgelöst.
Nicht nur in Europa, gerade auch in den Entwicklungsländern, erst recht in den Aufsteigerstaaten, hat auch in der Architektur eine verstärkte Suche nach regionaler Identität eingesetzt. Sie nimmt zum Teil bizarre Formen an, etwa in Moskau, wo auf den Dächern ehemaliger Plattenbausiedlungen Wälder von Türmen wachsen, wo auch die Neubauten eine hemmungslose Lust an der Dekoration zeigen, mit der die Erinnerung an das historische Moskau und seine 680 Kirchen geweckt werden soll, von denen viele unter Stalins Herrschaft geschleift wurden.
In Indien und China haben im Hochhausbau Tempel- und Pagodendächer Hochkonjunktur. Selbst in Lateinamerika zeigt sich bis in die Stadtrandsiedlungen und Favellas die Sehnsucht nach eigenen Ausdrucksformen, nach Selbstbestimmung und kultureller Autonomie.

In Deutschland, wo viele der revolutionären Konzepte der heroischen Moderne entstanden sind, fällt die Umstellung auf das neue Denken anscheinend besonders schwer. Wie schon im Streit um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, so versuchten deutsche Teilnehmer auch auf dem Kongress, die Frage des architektonischen Stils zu einer Frage der Moral umzudefinieren - etwa wenn sie davor warnten, nur ja nicht an "feudalistische Bauformen" anzuknüpfen, und nach wie vor das Bauhaus und den Städtebau des 20. Jahrhunderts zum leuchtenden Vorbild erklärten.

Doch die Regie über den städtebaulichen Diskurs und die Deutungshoheit über das, was "Fortschritt" ausmacht, ist den Moralisten inzwischen entglitten. Die größte städtebauliche Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, die Massenmenschhaltung in Großsiedlungen, erweist sich als Jahrhundertkatastrophe, weil dieser Siedlungstyp - wie sich anhand von Beispielen aus vielen Ländern aufzeigen lässt - weder ökologisch noch ökonomisch noch politisch beherrschbar ist - und weil ihm schlicht die Bewohner davon laufen. Keine Bauepoche zuvor hat eine so wenig "nachhaltige" Siedlungsform hervorgebracht, keine hat eine so hohe Hypothek aufgehäuft, die erst in Generationen wieder abgetragen sein dürfte.

Kann ein Architektenkongress die Welt verändern? Er kann vielleicht, im Sinne eines berühmten Ausspruchs des preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel, die menschlichen Verhältnisse veredeln helfen. Welche Aufgaben heute vor uns liegen, das hatten zwar schon die Konferenzen "Habitat" und "Urban 21" aufgezeigt. Doch der Berliner UIA-Weltkongress hat es mit dem Mut zur Kritik an den Verirrungen des totalitären 20. Jahrhunderts nochmals bekräftigt und für den Bereich der Architektur präzisiert. Jetzt ist es an den Baumeistern und Investoren, diese Erkenntnisse in konkrete Lösungen umzusetzen.

DIE WELT