Eliska
28.07.2002, 01:50
Noch kann die Fahrt weiter abwärts gehen, doch der Börsencrash hilft der Wirtschaft. Denn jetzt zählt wieder die Arbeit.
Von Dave Hertig, Marco Morell und Reto Thöny
(...)
So sehr nun die Anleger ihre Blessuren beklagen: Der Crash war nötig und für die Entwicklung der Gesamtwirtschaft heilsam. Thomas Kübler von der Basler Konjunkturforschung BAK spricht von einem «reinigenden Gewitter», das sich über den Märkten entladen hat.
Die Aktienrendite wurde auf ein vernünftiges Niveau gesenkt; mehr als 6 bis 8 Prozent sind künftig nicht mehr zu erwarten. Die Anleger sind vorsichtiger geworden. Sie haben gelernt, wie die Mechanismen funktionieren und wo Gefahren lauern. Sie werden in der nächsten Überhitzungsphase auf den Jubel der Analysten und Medien nicht mehr so rasch hereinfallen.
Vernünftige Projekte können jetzt wieder leichter zu Geld kommen
Ohne Crash wären die Betrügereien und Tricksereien in den Unternehmen unerkannt geblieben. Weitere Skandale dürften noch auffliegen. Dadurch wird die Spreu vom Weizen getrennt. Nur ehrliche Unternehmen verdienen es, mit dem Kapital der Investoren versorgt zu werden. Auf den meisten Finanzplätzen gibt es inzwischen Bestrebungen, die Gesetze und die Aufsicht zu verschärfen. Das fördert die Transparenz der Märkte - sofern nach dem Ende der Baisse nicht alles wieder im Sand verläuft.
Vor allem aber findet dank dem Crash eine Rückbesinnung auf den volkswirtschaftlichen Sinn der Aktien statt: die Versorgung der Unternehmen mit Kapital. Dieses wird künftig nicht mehr in vermeintliche Senkrechtstarter-Firmen fliessen, sondern in solche, die auf einer gesunden Wertschöpfung aufbauen. «Jetzt zählt wieder die Arbeit und weniger die Investition in Aktienwerte», meint BAK-Forscher Kübler. Und Thorsten Hens, Ökonomieprofessor an der Universität Zürich, hofft, dass «vernünftige Projekte jetzt wieder leichter zu Geld kommen» werden. Denn für eine Volkswirtschaft ist es gefährlich, wenn alle Aufmerksamkeit Internetfirmen gilt, während Bäckereien oder Maschinenbauunternehmen mühsam um Kredite buhlen müssen.
Der Schaden des Crashs ist für den einzelnen Anleger enorm, aus volkswirtschaftlicher Sicht hält er sich jedoch in Grenzen - selbst dann, wenn die Talfahrt weitergeht. Die Gefahr ist gering, dass sich die schlechte Stimmung an den Börsen auf den Konsum niederschlägt und die schwache Konjunktur gefährdet.
Dafür spricht, dass die Hauptopfer des Crashs nicht die Kleinanleger sind, die ohnehin über knappe Budgets verfügen. «Die grössten Verluste haben diejenigen Schweizer erlitten, die dies finanziell verkraften können», sagt Professor Mathias Binswanger von der Fachhochschule Solothurn. Der typische Schweizer Aktionär hat ein Einkommen von über 8000 Franken pro Monat und ein Vermögen von 100 000 Franken.
Zum gleichen Schluss kommt das Zentrum für Europäische Wirtschaftsordnung in Mannheim in einer diese Woche veröffentlichten Studie: «Der Kursrückgang betrifft vor allem vermögende Haushalte, die deshalb nicht unbedingt gleich ihren Konsum reduzieren müssen.» Studien zeigen, dass von 100 Franken Börsengewinn in der Schweiz nur gerade zwei Franken zusätzlich ausgegeben werden. In den USA sind es fünf Franken. Für Thorsten Hens ist darum klar: «Bei Börsenverlusten wird folglich auch nicht viel weniger ausgegeben.»
Wie die Leitzinssenkung durch die Nationalbank zeigt, dürfte die Börsenbaisse einen weiteren Nutzen haben: tiefere Zinsen. Es könnte zu einer Renaissance klassischer, aber weniger rentabler Anlagemöglichkeiten kommen wie dem Sparbuch und Obligationen. Davon würden nicht zuletzt die Hauseigentümer und die Mieter profitieren.
Sonntagszeitung.CH
http://www.sonntagszeitung.ch/sz/szUnterRubrik?rubrikid=115&ArtId=207510&msgid=348#forum
Von Dave Hertig, Marco Morell und Reto Thöny
(...)
So sehr nun die Anleger ihre Blessuren beklagen: Der Crash war nötig und für die Entwicklung der Gesamtwirtschaft heilsam. Thomas Kübler von der Basler Konjunkturforschung BAK spricht von einem «reinigenden Gewitter», das sich über den Märkten entladen hat.
Die Aktienrendite wurde auf ein vernünftiges Niveau gesenkt; mehr als 6 bis 8 Prozent sind künftig nicht mehr zu erwarten. Die Anleger sind vorsichtiger geworden. Sie haben gelernt, wie die Mechanismen funktionieren und wo Gefahren lauern. Sie werden in der nächsten Überhitzungsphase auf den Jubel der Analysten und Medien nicht mehr so rasch hereinfallen.
Vernünftige Projekte können jetzt wieder leichter zu Geld kommen
Ohne Crash wären die Betrügereien und Tricksereien in den Unternehmen unerkannt geblieben. Weitere Skandale dürften noch auffliegen. Dadurch wird die Spreu vom Weizen getrennt. Nur ehrliche Unternehmen verdienen es, mit dem Kapital der Investoren versorgt zu werden. Auf den meisten Finanzplätzen gibt es inzwischen Bestrebungen, die Gesetze und die Aufsicht zu verschärfen. Das fördert die Transparenz der Märkte - sofern nach dem Ende der Baisse nicht alles wieder im Sand verläuft.
Vor allem aber findet dank dem Crash eine Rückbesinnung auf den volkswirtschaftlichen Sinn der Aktien statt: die Versorgung der Unternehmen mit Kapital. Dieses wird künftig nicht mehr in vermeintliche Senkrechtstarter-Firmen fliessen, sondern in solche, die auf einer gesunden Wertschöpfung aufbauen. «Jetzt zählt wieder die Arbeit und weniger die Investition in Aktienwerte», meint BAK-Forscher Kübler. Und Thorsten Hens, Ökonomieprofessor an der Universität Zürich, hofft, dass «vernünftige Projekte jetzt wieder leichter zu Geld kommen» werden. Denn für eine Volkswirtschaft ist es gefährlich, wenn alle Aufmerksamkeit Internetfirmen gilt, während Bäckereien oder Maschinenbauunternehmen mühsam um Kredite buhlen müssen.
Der Schaden des Crashs ist für den einzelnen Anleger enorm, aus volkswirtschaftlicher Sicht hält er sich jedoch in Grenzen - selbst dann, wenn die Talfahrt weitergeht. Die Gefahr ist gering, dass sich die schlechte Stimmung an den Börsen auf den Konsum niederschlägt und die schwache Konjunktur gefährdet.
Dafür spricht, dass die Hauptopfer des Crashs nicht die Kleinanleger sind, die ohnehin über knappe Budgets verfügen. «Die grössten Verluste haben diejenigen Schweizer erlitten, die dies finanziell verkraften können», sagt Professor Mathias Binswanger von der Fachhochschule Solothurn. Der typische Schweizer Aktionär hat ein Einkommen von über 8000 Franken pro Monat und ein Vermögen von 100 000 Franken.
Zum gleichen Schluss kommt das Zentrum für Europäische Wirtschaftsordnung in Mannheim in einer diese Woche veröffentlichten Studie: «Der Kursrückgang betrifft vor allem vermögende Haushalte, die deshalb nicht unbedingt gleich ihren Konsum reduzieren müssen.» Studien zeigen, dass von 100 Franken Börsengewinn in der Schweiz nur gerade zwei Franken zusätzlich ausgegeben werden. In den USA sind es fünf Franken. Für Thorsten Hens ist darum klar: «Bei Börsenverlusten wird folglich auch nicht viel weniger ausgegeben.»
Wie die Leitzinssenkung durch die Nationalbank zeigt, dürfte die Börsenbaisse einen weiteren Nutzen haben: tiefere Zinsen. Es könnte zu einer Renaissance klassischer, aber weniger rentabler Anlagemöglichkeiten kommen wie dem Sparbuch und Obligationen. Davon würden nicht zuletzt die Hauseigentümer und die Mieter profitieren.
Sonntagszeitung.CH
http://www.sonntagszeitung.ch/sz/szUnterRubrik?rubrikid=115&ArtId=207510&msgid=348#forum