Eliska
29.07.2002, 19:59
Affen, Elefanten, Spechte – sie alle kennen 1001 Trick, um sich zu heilen.
Was können wir von ihnen lernen?
Von Matthias Glaubrecht
Schon der angeekelte Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel zu:
Für die Tiere war es eine bittere Medizin.
Nachdem der amerikanische Zoologe Richard Wrangham im tansanischen „Gombe Stream"-Reservat mehrfach Schimpansen dabei beobachtet hatte, wie sie Blätter des Aspilia-Baumes verspeisten, glaubte er nicht mehr an einen Zufall. Denn die Menschenaffen suchten die Blätter sorgfältig aus, falteten sie mit der Zunge, um sie dann unzerkaut herunterzuwürgen. Wrangham vermutete, wie übrigens die meisten seiner Kollegen, dass irgendeine Droge in den Aspilia-Blättern die Schimpansen zu dieser Selbstmedikation trieb.
Doch die Suche nach jenem Wirkstoff, auf den es die Schimpansen abgesehen haben könnten, blieb erfolglos. Schließlich kam Michael Huffman vom Institut für Primatenforschung der Kyoto-Universität in Japan der richtige Einfall. Er untersuchte nicht, was sich die Menschenaffen einverleibten, sondern was sie absonderten. In den Kotproben entdeckte er, dass die verdauten Blätter nur so von Darmparasiten wimmelten. Huffmann fand heraus, dass jene Blätter mikroskopisch feine Widerborsten besaßen, mit deren Hilfe sich die Schimpansen ihrer lästigen Darmwürmer entledigten.
Fressen fürs Immunsystem
Menschenaffen als unsere nächsten Verwandten sind keineswegs tierische Ausnahme-Apotheker. Die Braunbären Alaskas versuchen vor dem Winterschlaf ebenfalls mit scharfkantigem Rietgras ihre Bandwürmer loszuwerden. Und auch Wölfe fressen Gras, um ihren Darmparasiten per natürlichem Abführmittel beizukommen. Bisons in Nordamerika kauen die Rinde eines Baumes, der einen gegen Amöben wirksamen Stoff enthält. Mantelbrüllaffen kauen auf den Fruchtstielen des Cashewbaumes, um sich - so wird vermutet - vor Karies zu schützen.
Pharmakophagie nennen Fachleute dieses früher oft als krankhaft abgetane Fressverhalten von Tieren, die einen plötzlichen Heißhunger auf giftige oder unbekömmliche Pflanzen entwickeln. Die Tiere fressen nicht um satt zu werden, sondern um biologisch fit zu bleiben. So mehren sich in den letzten Jahren wissenschaftliche Beobachtungen, die darauf hindeuten, dass auch Tiere ganz gezielt bittere Medizin schlucken, um sich selbst zu heilen. Meist sind es die sekundären Pflanzenstoffe aus Gräsern, Kräutern, Sträuchern und Bäumen, auf die sie es abgesehen haben – als ob sie genau wüssten, welches therapeutische Potenzial darin enthalten ist. „In niedriger Dosierung können diese Stoffe tatsächlich wie Medizin wirken“, sagt Ian Baldwin, Direktor am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena.
Das gesundheitsbewusste Verhalten der Tiere hat auch für den Menschen einen praktischen Nutzen - und das schon seit langer Zeit, weit bevor der Trend zur Naturmedizin losging. Denn seit jeher haben die Medizinmänner von Eingeborenenstämmen ihr Geheimwissen von Tieren abgekupfert. Sie haben sich als erste einen Reim auf das scheinbar seltsame Verhalten der Tiere gemacht, die giftige Pflanzen fraßen.
Die lokale Bevölkerung der Mahale-Bergregion in Tansania setzt viele der oft giftigen Pflanzen, die auch Tiere mit Verdauungsproblemen fressen, als Medikament gegen Würmer im Darm ein. Aus dem Sud dieser Pflanzen stellen sie ein Mittel gegen die Durchfallkrankheit Ruhr her, das noch heute in Afrika gebräuchlich ist.
Noch vor zwei Jahrhunderten war auch bei den Menschen in Europa das Wissen um die Heilkräuter der Natur weit verbreitet. Doch seit der Industrialisierung gehen wir lieber in die Apotheke als in den Wald, um um unsere Leiden zu heilen.
Seit Pharmakophagie als Phänomen die Runde macht, erscheinen viele Verhaltensweisen von Tieren in einem neuen Licht. Die Biologin Cindy Engel von der „Open University" in England hat die Belege und Beobachtungen medizinischer Selbstbehandlung bei Tieren in ihrem Buch „Wild Health" (Verlag Weidenfeld & Nicolson, London) zusammengefasst. Tiere haben im Verlaufe der Evolution durch simples Ausprobieren ein wahres Arsenal von Naturarzneien entdeckt, um sich gegen Parasiten und gegen Giftstoffe in der Pflanzennahrung zu schützen.
Auch das Fressen von Erde ist im Tierreich weit verbreitet. Von Elefanten in Afrika bis zu Papageien in Südamerika ist bekannt, dass sie tonhaltigen Lehm aufnehmen, um ihre Nahrung besser verdauen zu können.
Noch wirkungsvoller ist das Entgiften mit Holzkohle. Die wird in Form von Aktivkohle auch beim Menschen gegen akute Vergiftungen eingesetzt, weil sie das 200-fache ihres Eigengewichts bindet. Die Tiere verschaffen sich diesen medizinisch wirksamen Stoff nach Waldbränden aus den verkohlten Holzresten und Baumstümpfen.
Manchmal greifen sie auch zu ganz ungewöhnlichen Maßnahmen. So wird berichtet, dass eine Affenart auf der afrikanischen Insel Sansibar sich gern an den Blättern des Mango- und Katappenbaumes labt. Die unbekömmlichen Inhaltsstoffe dieser Gewächse machen die Affen mit Holzkohle unschädlich; und notfalls klauen sie die Kohle auch aus den Häusern der Menschen. Und von australischen Prachtfinken ist bekannt, dass sie die antibakterielle Wirkung von Holzkohle nutzen, indem sie damit ihr Nest auslegen.
Der britische „Economist“ und vor kurzem auch der Spiegel stellten daher die nahe liegende Frage, ob die Tierarzneien aus dem Pflanzenreich nicht auch dem Menschen helfen könnten.
Pharmakologen haben die Natur längst als Quelle neuer Wirkstoffe entdeckt. Schätzungsweise über 100 000 sekundäre Inhaltsstoffe aus Pflanzen sind identifiziert. Einige dieser Stoffe sind auch beim Menschen wirksam. Doch es kommt auf die richtige Dosierung an, nur dann sind solche pflanzlichen Stoffe eine wirksame Medizin und kein Gift. Rund 40 000 pflanzliche Stoffwechselprodukte - darunter Koffein und Nikotin - sind inzwischen chemisch analysiert und ihre biologische Wirkungsweise untersucht worden. Allerdings ganz unabhängig von der Beobachtung tierischer „Wunderdoktoren“.
Denn in Sachen Pharmakophagie taugt die Natur kaum als Vorbild. So weiß man heute nach jahrzehntelangem intensiven Studium an Schimpansen, dass sie bei Beschwerden die Blätter von etwa 30 Pflanzenarten ihrer Umgebung zerkauen, weil sie wurmködernde Härchen haben. Von heilenden Wunderdrogen allerdings keine Spur.
Irrglauben und Fehldiagnosen
Einfach war das Lernen von den „tierischen Apothekern“ nie. Im mittelalterlichen England glaubten Ärzte irrigerweise, dass die abgetrennten und auf Wunden gelegten Zungen von Hundewelpen eine Heilwirkung hätten. Ursache des Irrglaubens war die durchaus richtige Beobachtung, dass sich Hunde aufgeschürfte Hautstellen ablecken. Nur wirkt dabei nur der Speichel entzündungshemmend und nicht die Zunge.
Auf einer Fehlbeobachtung an Schlangen beruht auch die Annahme des römischen Schriftstellers Plinius des Älteren, geboren um 23 nach Christus, dass Extrakte des Fenchelbusches Blindheit heilen könnten. Tatsächlich sind häutende Schlangen kurzzeitig blind, wenn sich die alte Haut über ihren Augen löst. Dann reiben sie ihre Augen am Fenchel und anderen Büschen – um ihr altes Schuppenkleid schneller abzustreifen.
Hunde- und Katzenbesitzer müssen sich also nicht mehr über das scheinbar abnormale Verhalten ihrer Schützlinge wundern, wenn sie Erde und Pflanzen fressen, Steine und Sand lecken oder Gras kauen. Wo dies mangels Natur nicht mehr geht, müssen eben Socken oder Wollknäuel als - allerdings kaum wirkungsvoller - Ersatz herhalten. Buchautorin Cindy Engel nimmt es inzwischen sogar gelassen, wenn sich ihre Katze über ihrem Teppich erbricht. Denn darin sieht die britische Zoologin den Beleg für die kluge Selbsttherapie der einst wilden Katzenahnen, die sich sogar noch bei ihrem Stubentiger erhalten hat.
Der Tagesspiegel
Was können wir von ihnen lernen?
Von Matthias Glaubrecht
Schon der angeekelte Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel zu:
Für die Tiere war es eine bittere Medizin.
Nachdem der amerikanische Zoologe Richard Wrangham im tansanischen „Gombe Stream"-Reservat mehrfach Schimpansen dabei beobachtet hatte, wie sie Blätter des Aspilia-Baumes verspeisten, glaubte er nicht mehr an einen Zufall. Denn die Menschenaffen suchten die Blätter sorgfältig aus, falteten sie mit der Zunge, um sie dann unzerkaut herunterzuwürgen. Wrangham vermutete, wie übrigens die meisten seiner Kollegen, dass irgendeine Droge in den Aspilia-Blättern die Schimpansen zu dieser Selbstmedikation trieb.
Doch die Suche nach jenem Wirkstoff, auf den es die Schimpansen abgesehen haben könnten, blieb erfolglos. Schließlich kam Michael Huffman vom Institut für Primatenforschung der Kyoto-Universität in Japan der richtige Einfall. Er untersuchte nicht, was sich die Menschenaffen einverleibten, sondern was sie absonderten. In den Kotproben entdeckte er, dass die verdauten Blätter nur so von Darmparasiten wimmelten. Huffmann fand heraus, dass jene Blätter mikroskopisch feine Widerborsten besaßen, mit deren Hilfe sich die Schimpansen ihrer lästigen Darmwürmer entledigten.
Fressen fürs Immunsystem
Menschenaffen als unsere nächsten Verwandten sind keineswegs tierische Ausnahme-Apotheker. Die Braunbären Alaskas versuchen vor dem Winterschlaf ebenfalls mit scharfkantigem Rietgras ihre Bandwürmer loszuwerden. Und auch Wölfe fressen Gras, um ihren Darmparasiten per natürlichem Abführmittel beizukommen. Bisons in Nordamerika kauen die Rinde eines Baumes, der einen gegen Amöben wirksamen Stoff enthält. Mantelbrüllaffen kauen auf den Fruchtstielen des Cashewbaumes, um sich - so wird vermutet - vor Karies zu schützen.
Pharmakophagie nennen Fachleute dieses früher oft als krankhaft abgetane Fressverhalten von Tieren, die einen plötzlichen Heißhunger auf giftige oder unbekömmliche Pflanzen entwickeln. Die Tiere fressen nicht um satt zu werden, sondern um biologisch fit zu bleiben. So mehren sich in den letzten Jahren wissenschaftliche Beobachtungen, die darauf hindeuten, dass auch Tiere ganz gezielt bittere Medizin schlucken, um sich selbst zu heilen. Meist sind es die sekundären Pflanzenstoffe aus Gräsern, Kräutern, Sträuchern und Bäumen, auf die sie es abgesehen haben – als ob sie genau wüssten, welches therapeutische Potenzial darin enthalten ist. „In niedriger Dosierung können diese Stoffe tatsächlich wie Medizin wirken“, sagt Ian Baldwin, Direktor am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena.
Das gesundheitsbewusste Verhalten der Tiere hat auch für den Menschen einen praktischen Nutzen - und das schon seit langer Zeit, weit bevor der Trend zur Naturmedizin losging. Denn seit jeher haben die Medizinmänner von Eingeborenenstämmen ihr Geheimwissen von Tieren abgekupfert. Sie haben sich als erste einen Reim auf das scheinbar seltsame Verhalten der Tiere gemacht, die giftige Pflanzen fraßen.
Die lokale Bevölkerung der Mahale-Bergregion in Tansania setzt viele der oft giftigen Pflanzen, die auch Tiere mit Verdauungsproblemen fressen, als Medikament gegen Würmer im Darm ein. Aus dem Sud dieser Pflanzen stellen sie ein Mittel gegen die Durchfallkrankheit Ruhr her, das noch heute in Afrika gebräuchlich ist.
Noch vor zwei Jahrhunderten war auch bei den Menschen in Europa das Wissen um die Heilkräuter der Natur weit verbreitet. Doch seit der Industrialisierung gehen wir lieber in die Apotheke als in den Wald, um um unsere Leiden zu heilen.
Seit Pharmakophagie als Phänomen die Runde macht, erscheinen viele Verhaltensweisen von Tieren in einem neuen Licht. Die Biologin Cindy Engel von der „Open University" in England hat die Belege und Beobachtungen medizinischer Selbstbehandlung bei Tieren in ihrem Buch „Wild Health" (Verlag Weidenfeld & Nicolson, London) zusammengefasst. Tiere haben im Verlaufe der Evolution durch simples Ausprobieren ein wahres Arsenal von Naturarzneien entdeckt, um sich gegen Parasiten und gegen Giftstoffe in der Pflanzennahrung zu schützen.
Auch das Fressen von Erde ist im Tierreich weit verbreitet. Von Elefanten in Afrika bis zu Papageien in Südamerika ist bekannt, dass sie tonhaltigen Lehm aufnehmen, um ihre Nahrung besser verdauen zu können.
Noch wirkungsvoller ist das Entgiften mit Holzkohle. Die wird in Form von Aktivkohle auch beim Menschen gegen akute Vergiftungen eingesetzt, weil sie das 200-fache ihres Eigengewichts bindet. Die Tiere verschaffen sich diesen medizinisch wirksamen Stoff nach Waldbränden aus den verkohlten Holzresten und Baumstümpfen.
Manchmal greifen sie auch zu ganz ungewöhnlichen Maßnahmen. So wird berichtet, dass eine Affenart auf der afrikanischen Insel Sansibar sich gern an den Blättern des Mango- und Katappenbaumes labt. Die unbekömmlichen Inhaltsstoffe dieser Gewächse machen die Affen mit Holzkohle unschädlich; und notfalls klauen sie die Kohle auch aus den Häusern der Menschen. Und von australischen Prachtfinken ist bekannt, dass sie die antibakterielle Wirkung von Holzkohle nutzen, indem sie damit ihr Nest auslegen.
Der britische „Economist“ und vor kurzem auch der Spiegel stellten daher die nahe liegende Frage, ob die Tierarzneien aus dem Pflanzenreich nicht auch dem Menschen helfen könnten.
Pharmakologen haben die Natur längst als Quelle neuer Wirkstoffe entdeckt. Schätzungsweise über 100 000 sekundäre Inhaltsstoffe aus Pflanzen sind identifiziert. Einige dieser Stoffe sind auch beim Menschen wirksam. Doch es kommt auf die richtige Dosierung an, nur dann sind solche pflanzlichen Stoffe eine wirksame Medizin und kein Gift. Rund 40 000 pflanzliche Stoffwechselprodukte - darunter Koffein und Nikotin - sind inzwischen chemisch analysiert und ihre biologische Wirkungsweise untersucht worden. Allerdings ganz unabhängig von der Beobachtung tierischer „Wunderdoktoren“.
Denn in Sachen Pharmakophagie taugt die Natur kaum als Vorbild. So weiß man heute nach jahrzehntelangem intensiven Studium an Schimpansen, dass sie bei Beschwerden die Blätter von etwa 30 Pflanzenarten ihrer Umgebung zerkauen, weil sie wurmködernde Härchen haben. Von heilenden Wunderdrogen allerdings keine Spur.
Irrglauben und Fehldiagnosen
Einfach war das Lernen von den „tierischen Apothekern“ nie. Im mittelalterlichen England glaubten Ärzte irrigerweise, dass die abgetrennten und auf Wunden gelegten Zungen von Hundewelpen eine Heilwirkung hätten. Ursache des Irrglaubens war die durchaus richtige Beobachtung, dass sich Hunde aufgeschürfte Hautstellen ablecken. Nur wirkt dabei nur der Speichel entzündungshemmend und nicht die Zunge.
Auf einer Fehlbeobachtung an Schlangen beruht auch die Annahme des römischen Schriftstellers Plinius des Älteren, geboren um 23 nach Christus, dass Extrakte des Fenchelbusches Blindheit heilen könnten. Tatsächlich sind häutende Schlangen kurzzeitig blind, wenn sich die alte Haut über ihren Augen löst. Dann reiben sie ihre Augen am Fenchel und anderen Büschen – um ihr altes Schuppenkleid schneller abzustreifen.
Hunde- und Katzenbesitzer müssen sich also nicht mehr über das scheinbar abnormale Verhalten ihrer Schützlinge wundern, wenn sie Erde und Pflanzen fressen, Steine und Sand lecken oder Gras kauen. Wo dies mangels Natur nicht mehr geht, müssen eben Socken oder Wollknäuel als - allerdings kaum wirkungsvoller - Ersatz herhalten. Buchautorin Cindy Engel nimmt es inzwischen sogar gelassen, wenn sich ihre Katze über ihrem Teppich erbricht. Denn darin sieht die britische Zoologin den Beleg für die kluge Selbsttherapie der einst wilden Katzenahnen, die sich sogar noch bei ihrem Stubentiger erhalten hat.
Der Tagesspiegel