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Vollständige Version anzeigen : Die Würde eines freien Menschen


Eliska
31.07.2002, 08:33
Von Karen Horn

"Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt!"
Wer ist nicht schon einmal innerlich zusammengezuckt, wenn dieser pathetische Satz fiel, den der amerikanische Präsident John F. Kennedy einst in der Rede zu seiner Amtseinführung formuliert hat und der heute auf seinem Grabstein in Arlington prangt?

In der Einleitung zu seinem Buch "Capitalism and Freedom", vor vierzig Jahren erschienen und soeben wieder in einer deutschen Neuauflage auf dem Markt, führt der amerikanische Nobelpreisträger Milton Friedman die Monstrosität dieser Worte vor Augen:
"Weder die eine noch die andere Hälfte des Satzes drückt die Beziehungen aus zwischen dem Bürger und seiner Regierung, die eines freien Menschen in einer freien Gesellschaft würdig sind."


Friedman steht für mehr als Quantitätstheorie, Geldmengenregel und natürliche Arbeitslosigkeit. Weit mehr als viele andere Wissenschaftler hat er einen tiefen Respekt vor dem Individuum und seiner Freiheit zur Grundlage seines Denkens gemacht. Die individuelle Freiheit läßt sich nur in einer mit Privateigentum ausgestatteten, wettbewerblich organisierten Marktwirtschaft verwirklichen. Friedman hat sein ganzes, mittlerweile neunzigjähriges Dasein der Verteidigung des Markts als dem Menschen angemessenes gesellschaftliches Ordnungsprinzip gewidmet.

In Deutschland ist ein Satz wie der von Kennedy aus dem Munde eines heutigen Politikers kaum zu erwarten. Das hat allerdings mehr damit zu tun, daß der Begriff des Landes oder der Nation unter dem Nebel eines historischen Tabus verborgen ist - und weniger damit, daß hierzulande freie Bürger in einer makellos freien Gesellschaft lebten und daß die Frage nach dem rechten Verhältnis von Bürger und Staat klar beantwortet wäre. Das ist sie nicht, auch wenn sie sich in der Öffentlichkeit nicht mehr täglich stellt. Dafür wiederum sorgt auch der Wohlfahrtsstaat, der die Bürger seit mehr als fünf Jahrzehnten umhüllt und einlullt.

Der erste Teil des Kennedyschen Satzes fuße auf einem Paternalismus, schreibt Friedman, welcher der Verantwortung eines freien Individuums für sein eigenes Schicksal diametral entgegenstehe: "Die Regierung ist der Herr und der Bürger sein Schutzbefohlener."
Man kann getrost auch näher an Kennedy heranrücken und es noch ernüchternder ausdrücken:
Der Bürger sieht sich als Anspruchsberechtigter gegenüber einem anonymen, wuchernden Staat, hinter dem er längst nicht mehr den Mitmenschen erkennt. Wer denkt schon daran, daß er - wenn er Steuern hinterzieht, aber zugleich unbeschwert öffentliche Leistungen in Anspruch nimmt - seinem Nachbarn auf der Tasche liegt?

Heute entspricht dies noch mehr den Tatsachen als zu Kennedys Zeiten. Die Ursachen liegen im wesentlichen in der Größe des Staatsanteils, in der mangelnden Transparenz des Steuer- und Sozialsystems sowie in der nicht mehr fühlbaren Äquivalenz zwischen Leistungen und Abgaben.
Im wabernden Nebel des Wohlfahrtsstaats kommt es aber auch zu einem perversen Phänomen, zu einer Luxuskrankheit der Moderne:
Die Bürger empfinden Markt und Wettbewerb als mühsam und verlieren dabei ihr kostbarstes Gut aus dem Blick - die Freiheit. Auch wer satt ist, verliert offenbar mitunter seine Würde, läßt sich unwidersprochen gängeln und bemerkt seinen Freiheitsentzug nicht einmal mehr.


Wie anders ist es zum Beispiel zu erklären, daß es keinen öffentlichen Aufschrei gab, als Bundeskanzler Gerhard Schröder jüngst die Flexibilisierung des Autohandels in der EU mit dem pampigen Kommentar bedachte, es gebe in Brüssel "zu viele neoliberale Professoren"? Wie Friedman?
Wettbewerbskommissar Mario Monti hat Schröder leise erwidert, daß der Professorentitel als solcher kaum zum Schimpfwort tauge. Zudem muß man sich auch ziemlich verrenken, um im Adjektiv "neoliberal" die Wurzel alles Bösen zu erblicken. Das Gegenteil ist wahr.

Schon das Präfix "neo" ist überholt und wird irreführend verwendet.
Erstmals wurde es in den dreißiger Jahren auf dem berühmten "Colloque Walter Lippmann" in Paris dem Liberalismus vorgehängt und diente dabei nicht etwa der Annäherung an das absolute "Laisser-faire", sondern gerade der Abgrenzung davon. Heute kehren die Verunglimpfer diese Bedeutung flugs und unwidersprochen in ihr Gegenteil.

Doch unabhängig davon:
Was kann an der Liberalität als solcher anstößig sein?
Was soll tadelnswert daran sein, die Freiheit des Individuums in den Blick zu nehmen und zu verteidigen?
Ein Ansatzpunkt mag darin liegen, daß man den Menschen als unfähig zum Leben in Freiheit begreift. Diesen absurden Weg gehen mitunter die Kirchen, die zwar das Gottesgeschenk des freien Willens betonen, zugleich aber bei der Feststellung erzittern, die Menschen könnten sich in die Abhängigkeit von versklavenden weltlichen Mächten begeben.
Dabei umfaßt Freiheit immer auch die Freiheit zum Scheitern - und zur selbstgewählten Abhängigkeit.


Ein anderer Ansatzpunkt wäre, der Freiheit ihren Vorrang abzusprechen.
Nicht nur die Kirchen sehen sich gelegentlich befugt, so zu tun, als ob sie besser wüßten als der einzelne, was ihm frommt. Vor allem weltliche Gruppen erheben gern Anspruch auf höhere Ziele, denen die im Ruche des Egoismus stehende individuelle Freiheit unterzuordnen sei.
Das tat auch Kennedy mit seiner kollektiv-kommunitaristischen Phrase.
Friedman geißelt den zweiten Teil seines Satzes dementsprechend als das Ergebnis eines organischen Zerrbildes, das den Staat - oder eine anonyme Gemeinschaft - zur Gottheit stilisiere, den Bürger hingegen zum Diener degradiere.
Ausgerechnet Kennedy, der Repräsentant der freien Welt, hing einem Denken an, das allen Totalitarismen dieser Welt die Türen öffnet.


Milton Friedman rief schon vor vierzig Jahren zu einer Renaissance der Eigenverantwortung auf.

Freie Bürger müßten sich fragen:
"Wie können wir verhindern, daß die Regierung ein Monster wird, das die Freiheit vernichtet?"
Der Staat sei notwendig - aber nur als Hilfskonstruktion, um die Freiheit der Bürger zu schützen. Daher gelte es, den Spielraum der Regierungen eng zu beschränken, die Macht dezentral zu streuen und in allen Belangen der Gesellschaft mehr Markt zuzulassen.

Dieser Auftrag gilt heute mehr denn je.


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2002, Nr. 175 / Seite 11

Eliska
05.08.2002, 19:01
Auf der Suche nach einer neuen Sprache, die keine Täuschung kennt

Von Jenny Erpenbeck

Der Brief, den Hugo von Hofmannsthal vor hundert Jahren den jungen Lord Chandos schreiben ließ, ist eines der zentralen Dokumente der Moderne. Er beschreibt eine Erfahrung, die uns nach wie vor vertraut ist: Die Welt zerfällt in Fragmente, und auch Sprache und Dichtung können sie nicht mehr zu einer Einheit fügen.

Wir haben Schriftsteller gebeten, Chandos zu antworten.
Entstanden sind dabei vielfältige Reflexionen über die Leere hinter den Worten und die Angst des Dichters vor dem Verstummen. Heute schreibt Jenny Erpenbeck an Lord Chandos. Die 1967 in Ost-Berlin geborene Schriftstellerin veröffentlichte zuletzt den Erzählungsband "Tand".

F.A.Z. Mein lieber Lord Chandos,.

wie einen Pfeil sehe ich Sie tief in den Dingen steckengeblieben, der Eifer und die Geschwindigkeit Ihrer Gedanken haben Sie mitten hineingetrieben, so es für Sie, wie ich Ihrem Brief entnehme, keine Möglichkeit mehr gibt, den Abstand wiederzugewinnen, der Ihnen eine menschliche Betrachtung dieser Dinge ermöglicht.

Wie einem im Fieber ja manchmal die ungeordnete Bettdecke als ein Gebirge erscheinen kann, das unüberwindlich ist und einen schon ganz und gar erschöpft hat - so sind Ihnen, scheint mir, durch allzu intensive Betrachtung die Fassaden der Sprache zerbrochen, ist der Boden der Worte unter Ihnen weggesunken, sind Sie gleichsam durch diesen unsicheren Grund hindurch, der nichts Greifbares zu Ihrer Rettung bereithielt, in stumme Gefilde hinabgetaucht, in denen Ihnen jetzt das Atmen schwer wird.

Sie beschreiben mir Ihren nach wie vor geregelten Tagesablauf unter den Menschen mit Kälte, so als hätten Sie bei Ihrem Sturz allein Ihre Hülle an der Erdoberfläche zurückgelassen, und erstaunen sich nur darüber, daß so wenig ausreichen soll, um die anderen darüber hinwegzutäuschen, daß sich unter der Hülle eine Maschine verbirgt, längst nicht mehr Sie selbst.

In den wenigen glücklichen Momenten aber, von denen Sie mir berichten, fühlen Sie sich, sagen Sie, mit einer Art von Erkenntnis begabt, die nichts Menschliches an sich hat, fühlen sich als Kreatur unter Kreaturen, beraubt der Fähigkeit wie gleichwohl enthoben der Notwendigkeit, Ihre Eindrücke von sich loszureißen und auf Papier zu bannen.

Lassen Sie mich Ihnen gestehen, daß ich Sie beneide - Sie beneide darum, daß Sie Worte und Pläne hinter sich gelassen haben. Sie nennen es "Kleinmut und Kraftlosigkeit" Ihres Geistes, was Sie befallen hat - ich aber empfinde deutlich, daß es eben gerade jene Demut und Schwäche sind, die Ihnen ermöglichen, um vieles näher am Grund von allem Ihre Beobachtungen anzustellen, Sie eben so "klein" und "schwach" machen, daß Sie, gleichsam mit der Perspektive eines Insekts begabt, über die löchrigen Mauern einer Moral hinkriechen, die so vielen von uns als glatt und maßvoll erscheint, Ihnen aber als eine ungeheure Anhäufung von Trümmern entgegensteht, wie einer Fliege, die tausend Augen in einem hat. Ich beneide Sie darum, daß Sie des Urteilens ledig geworden sind, weil die allzu genaue Wahrnehmung dessen, was ist, Ihre Gedanken wie einen Strahlenkranz in alle Richtungen auseinanderzieht. Mögen es auch nur wenige Momente sein, die Sie für die Ihnen auferlegte seelische Einsamkeit entschädigen, so scheint es Ihnen immerhin in diesen Momenten zu gelingen, die enge Menschenhaut, in die unsereins eingesperrt ist, auf das Maß einer Welt auszudehnen und das Schöne wie das Schmutzige gleichwohl in sich aufzunehmen, so wie es auch in der Wirklichkeit gleich gültig nebeneinander besteht.

Oft genug gibt es ja jene, die über den Rand ihrer Sprache nicht hinaussehen, sich an dem Gefäß der paar armseligen Worte, die ihnen gegeben sind, den Kopf einrennen, bis ihr Schmerz umschlägt und sie den Topf, in dem sie hausen, zum Paradies erklären.

Und jemand, der mit hellerem Verstand begabt ist, vermag wohl leicht die anderen an den Worten wie an einer Leine vorzuführen und mit ihnen zu veranstalten, was er will - eben weil er weiß, daß gerade schwache Naturen sich gern auf die vagen Gefühle betten, welche die Worte wie Gallert umgeben; jemand, der um sein Fortkommen bemüht ist, wird die Worte einsetzen wie ein geschickter Feldherr seine Soldaten - säuberlich stellt er sie in einer Reihe auf, so daß sie ihm Deckung bieten, und erringt dann aus dem sicheren Hinterhalt seinen Sieg, selbst unverletzt. Und mancher begibt sich in Momenten, in denen er nicht erkannt werden kann, der menschlichen Sprache, stürzt sich mit Lust in die tierische Dumpfheit der Dinge und mißdeutet das noch für Freiheit. All diese, die gemeinhin als klug gelten, schneiden in Momenten, da es ihnen nötig erscheint, die Sprache von sich ab wie von einem Stück Speck die Schwarte, bleiben jedoch durch das, was ich ihren Hunger nenne, Unfreie.

Auch Sie verabschieden sich in Ihrem Brief von den Begriffen der Menschen - aber weder aus Geistesarmut, wie die ersten, die ich aufgeführt habe, noch aus taktischen Erwägungen, wie die letzteren. Sie gehen fort, anders als alle, die ich kenne, hinaus auf ein Gebiet, das leer ist, auf dem es keine Wege gibt, über das der Wind pfeift, sie haben die Speisen der Menschen aufgegeben, aber auch ihren Hunger verloren. Das eben ist es, was Sie mir in beneidenswertem Sinne unmenschlich erscheinen läßt.

Wie lange die Maschine, die Sie an Ihrer Statt zurückgelassen haben, noch funktionieren wird und funktionieren soll, ist nunmehr uninteressant - aber dem, der jetzt Sie ist, wünsche ich, daß er an dieser Leere nicht verzweifeln möge, durch die er gehen muß, um der neuen, anderen Sprache zu begegnen, die dort wohnt, dieser stummen Sprache, die keine Ordnung kennt und keine Täuschung.

So wird die kommende Zeit, in der ich von dem, der Sie waren, kein Werk mehr lesen und keine Briefe mehr erhalten werde, gut angewandt sein.

A.D. 1603, 28. August.

Francis Bacon

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2002, Nr. 179 / Seite 31

carlo
06.08.2002, 00:50
@ eliska

Ich halte es mehr mit der Pawlowschen Bedürfnispyramide,
zuallererst kommen die Grundbedürfnisse, Essen und Trinken, Kleidung, ein Dach überm Kopf und Wärme im Winter. Dann wird an der qualitativen Steigerung der Dinge gearbeitet, bis neue Bedürfnisse, zum Beispiel Mobilität, entdeckt und befriedigt werden wollen.
So steigert sich das und schwupps, sind wir im Hier und Jetzt.
Der Staat von heute soll auf der einen Seite ein Höchstmaß an Freiheit und Individualität garantieren, auf der anderen Seite ganz schnell unbürokratisch helfen, wenn das mit der
Selbstverwirklichung finanziellen Schaden nach sich gezogen hat, so eine Art Vollkasko
eben.
Und an diesem Punkt hat Kennedy versucht einzuhaken,
niemand soll den Staat als soziale Hängematte betrachten, wenn die persönliche Lebensplanung in die Hose gegangen ist; Hilfe für Bedürftige allemal, selbstverständliche, finanzielle Milchkuh - nein danke.
Friedman sieht hier für meinen Geschmack etwas zuviel Totalität, allerdings darf man ihm das ob seiner Lebenserfahrung nicht übel nehmen, wenn da einige "rote Lampen"
angehen, schließlich kennt er Diktaturen.
Anyway,
unsere Gesellschaft muß erkennen, daß Eigenverantwortung auch Risiken beinhaltet,
Freiheit auch die Freiheit des Scheiterns einschließt, und es zur Zeit trotzdem keinen besseren Gesellschaftsentwurf gibt.

Eliska
06.08.2002, 08:56
Zuerst und zuletzt einmal steckt der Teufel im Detail.;)
Da gebe ich dir Recht.

Ich hatte, da ich mit Vorliebe konkret denke, so meine Probleme mit dem Artikel # 1.
Wo befinden sich die - auf die Praxis, das tägliche Leben bezogenen - Grenzen zwischen den Einstellungen John .F. Kennedy´s und Milton Friedman´s???

In der Theorie scheint mir der Unterschied deutlicher.
Friedman fordert den erwachsenen, selbstverantwortlichen, freien Bürger.
So weit geht Kennedy nicht. Bei ihm werde ich an das Sprichwort erinnert:
"Wer nicht hören kann, muss fühlen."

Gruß
Eliska:)

carlo
06.08.2002, 19:31
Doch, doch, doch...da sind Parallelen.

Die Kernaussage bei beiden ist die Aufforderung zur Eigenverantwortlichkeit.
Alles, was ich tue, hat Konsequenzen, hoffentlich schöne, manchmal schlechte.
Wichtig bleibt, zu erkennen, daß ich auch für die schlechten, unangenehmen geradestehen muß.
Hier in D verstehen doch inzwischen viele den Staat als Selbstbedienungsladen,
kaum jemand macht sich Gedanken, daß die staatlichen Leistungen durch alle anderen bezahlt werden. Ich beobachte in meinem Umfeld immer öfter, wie dieser Anspruchs-
gedanke in dumpf-aggressiven Gefühlen geäußert wird, wenn etwa 40jährige,
gesunde Menschen versuchen, in die Frührente zu gehen. Die Sprüche lauten dann in etwa:" Ich mach´das nicht mehr mit, den Scheiß, ich bin doch nicht blöde...sollen doch die anderen...ich hab mich lange genug verarschen lassen...mit mir nicht mehr!"
(Originalton aus der Praxis eines befreundeten Arztes)
Hieran erkennt man, welche Wechsel im Wertebewußtsein der Menschen stattgefunden hat - nicht mehr derjenige verdient allgemeine Anerkennung,
der fleißig jeden Tag zur Arbeit geht, sondern derjenige, der möglichst früh nicht mehr
arbeiten muß. Krumme Sachen im großen Stil sind längst salonfähig geworden,
Leute wie Haffa werden von einigen gehaßt, von vielen bewundert...
Was bleibt?
Seinen Prinzipien treu sein, moralisch bleiben und nie vergessen: Geld macht nicht glücklich! Die nächsten Jahre werden uns dazu Gelegenheit geben...

carlo
06.08.2002, 22:54
@ german

Meiner Meinung nach gibt es schon Möglichkeiten, unsere Demokratie vor dem Verfall zu bewahren. Ein bloßer Hinweis auf die Geschichte alter Kulturen, die ein ähnliches Schicksal erlitten, hilft da natürlich nicht.
Eine Demokratie mit all ihren Werten muß auch wehrhaft bleiben, genau gegenüber den
Wenigen, die sie zum Nachteil der Gemeinschaft ausnutzen wollen. Das klappt leider nur,
wenn Verfehlungen auch Konsequenzen haben, nämlich negative! Mit Sozialromantik und Resozialisierungsträumen kommt man nicht allzuweit.
Denke jetzt bloß nicht, daß ich hardliner bin!
Es ist doch für ein Großteil der Bevölkerung nicht nachvollziehbar,
wie kriminelle Mehrfachstraftäter im Alter von 19 Jahren zur Wiedereingliederung in die Karibik fahren dürfen, während das Opfer nicht einmal seinen materiellen Schaden ersetzt bekommen.
Niemand versteht, wieso Steuerhinterziehung in aller Regel härter bestraft wird,
als sexueller Mißbrauch an Minderjährigen.
Ist es ein Wunder, daß sich niemand mehr einmischt, wenn irgendwo jemand nieder-
geschlagen oder belästigt wird? Nein, denn man muß ja fürchten, am Ende selber wegen Körperverletzung vor Gericht zu landen.
Das sind nur 3 Beispiele aus einem großen pool von Problemen, die in der Summe das
Bewußtsein der Massen verändert. Und genau hier muß die Politik gegensteuern,
sonst ist das Ende vorprogrammiert.

carlo
06.08.2002, 23:54
Nein, nein, den Untergang des Abendlandes wollte ich nicht gleich beschwören.
Der Prozeß ist ein langsamer, ein erodierender, man merkt es kaum, vielleicht wird er
deswegen auch nicht so wahrgenommen.
Die Frage ist doch:
Schafft es unser System auf die Probleme richtig zu reagieren oder verändert sich das System als ganzes in Folge der ungelösten Probleme?
Schafft es der Staat, den drohenden Kollaps des Rentensystems zu lösen oder zahlen wir eben im Jahr 2020 40% Rentenbeitrag.
Schafft es der Staat, die Arbeitslosigkeit nachhaltig zu bekämpfen oder haben wir in 20 Jahren eben 25% Arbeitslose, Gettobildung in den Städten und grassierende Kriminalität?
Schafft es der Staat, das Gesundheitssystem reformieren oder gibt es in 10 Jahren nur noch eine Grundversorgung und ab 50 kein Spenderorgan mehr?
Das sind unter anderem die Dinge, die die Demokratie unser Prägung zur Zeit in Frage stellen, und nur, wenn sie gelöst werden, wird sie uns erhalten bleiben.

carlo
07.08.2002, 10:04
war aber mal anders - und da müssen wir wieder hin...