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Vollständige Version anzeigen : Gysi - miles and more


Eliska
01.08.2002, 10:50
Es geht um more als miles

Die Causa Gregor Gysi ist mit seinem Rücktritt nicht beendet - Debatte

Von Joachim Nawrocki

Auf die Interview-Frage, ob ein Senator im Amt bleiben könne, wenn sich bei ihm eine Stasi-Tätigkeit herausstellt, antwortete Berlins Justizsenatorin Karin Schubert (SPD): „Das beste Beispiel ist doch Gysi. Jeder weiß es, und trotzdem wurde er gewählt.“ Man weiß nicht, was Wirtschaftssenator Gysi seiner Kollegin daraufhin gesagt hat. Aber Tatsache ist, dass das, was nach Schuberts Ansicht jeder weiß, keineswegs auch jeder sagen darf. All jene, die behaupten, Gysi habe für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gearbeitet, werden von ihm mit Dutzenden von Gegendarstellungs- und Unterlassungsklagen gedeckelt.

Die Gerichte können es sich dabei leicht machen. Sie müssen gar nicht nachprüfen, wer nun die Wahrheit sagt. Eine Gegendarstellung muss immer dann veröffentlicht werden, wenn sie nicht ganz offenkundig unwahr ist. So hat das Landgericht Hamburg in einem Urteil gegen den Axel Springer Verlag zwar zur Kenntnis genommen, dass in Gutachten der Stasi-Unterlagen-Behörde der Schluss gezogen werde, „Dr. Gysi ist demnach eine für das MfS aktiv handelnde Person gewesen“, und es zitiert auch einleuchtende Begründungen für diese Auffassung.

Aber dann meint das Gericht, solche Gutachten seien nicht bindend und wähnt sich schlauer als die sachkundigen Gutachter: Es könnten auch andere als Gysi selbst Berichte über Gysis Mandanten an die Stasi weitergegeben haben – Erklärungsversuche, die sowohl die Stasi-Unterlagen-Behörde als auch der Immunitätsausschuss des Deutschen Bundestages ausdrücklich ausgeschlossen haben. Dennoch meint das Landgericht Hamburg, Gysis Gegendarstellung sei nicht offensichtlich unwahr; also müsse sie abgedruckt werden.

Das Landgericht Berlin hat sich die Sache in einem Rechtsstreit gegen den Sender Freies Berlin noch einfacher gemacht. Es konstatiert schlicht, Gregor Gysi habe nur dann kein Recht auf Gegendarstellung, wenn seine Entgegnung „offensichtlich unwahr wäre, ohne dass es diesbezüglich einer Beweisaufnahme bedürfe.“ Der Einwand des SFB, dass die Gegendarstellung sachlich falsch ist, sei „unbeachtlich, es sei denn, dass die Unwahrheit der Entgegnung für das Gericht unzweifelhaft feststeht.“ Aber wie kann etwas unzweifelhaft feststehen, was noch nicht einmal ansatzweise überprüft worden ist?

Das Bundesverfassungsgericht spricht hier von der „Wahrheitsunabhängigkeit der Gegendarstellung“. Aber gegendarstellungsfähig sind nur Tatsachenbehauptungen, nicht jedoch Meinungsäußerungen; doch ist beides nicht immer klar voneinander abgrenzbar. Wenn also Gregor Gysi immer betont, dass die Gerichte ihm Recht geben, dann gilt das nur für sein Recht auf Gegendarstellung und sagt überhaupt nichts aus über eine eventuelle Stasi-Mitarbeit.

Nun erstreitet sich Gysi nicht nur Gegendarstellungen, sondern in vielen Fällen auch Unterlassungsverfügungen. Äußerungen, die ihm nicht gefallen, dürfen bei Androhung eines hohen Ordnungsgeldes, ersatzweise Haft, nicht wiederholt werden. Für die WELT hatte zum Beispiel die Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, Marianne Birthler, die Erkenntnisse ihres Amtes zusammengefasst und daraus ihre Schlussfolgerungen gezogen. Der erste Teil dieser Äußerung, die Tatsachenbehauptung, wurde vom Bundesverfassungsgericht für gegendarstellungsfähig angesehen. Gegen den letzten Halbsatz aber, so das Gericht, gebe es keinen Anspruch auf Gegendarstellung, denn er sei eine Meinungsäußerung. Das Landgericht Hamburg hingegen hat die Wiederholung des gesamten Zitates verboten, also auch die ausdrücklich als Meinungsäußerung qualifizierte Aussage.

Dies ist ziemlich eindeutig ein Eingriff in das Recht auf freie Meinungsäußerung nach Artikel 5 des Grundgesetzes. Der Grünen-Abgeordnete Michael Cramer hat – bezogen auf den Bericht des Immunitätsausschusses über Gysi –im Berliner Abgeordnetenhaus gesagt: „Wenn bundesverfassungsgerichtlich geschützte Drucksachen des Bundestages nicht mehr wiedergegeben werden dürfen, dann wird die Meinungsvielfalt der Medien beschnitten, dann herrscht ein Diskussionsverbot.“ Da ist freilich das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Nun sollen ja nach dem Senatorengesetz die Mitglieder des Berliner Senats auf Stasi-Mitarbeit überprüft werden. Der Senat hat sich Zeit gelassen. Erst sechs Wochen nach der Senatsbildung sind die Überprüfungsanträge bei der Birthler-Behörde eingegangen. Jetzt wird sich die Behörde äußern, und es ist kaum denkbar, dass sie eine andere Auskunft gibt als deren Chefin. Und was dann? Justizsenatorin Schubert hat in dem erwähnten Interview Vorbehalte geäußert, „wenn jetzt die Verwaltung nachträglich sagen soll, der kann bleiben und der nicht. Wegen des geltenden Prinzips der Gewaltenteilung halte ich das für bedenklich.“

Für eine Juristin ist dies eine erstaunliche Aussage. Mit Gewaltenteilung, also der Unabhängigkeit von Exekutive, Legislative und Judikative, hat das nämlich gar nichts zu tun. Da weiß es der Regierende Bürgermeister Wowereit schon etwas genauer. Wenn etwas Gravierendes zu Tage komme, werde man mit dem Parlament Kontakt aufnehmen, sagte er einem Reporter. Denn das Parlament ist zuständig. Es wählt die Senatoren, es kann sie auch mit einem Misstrauensantrag abwählen. Aber auf die Frage, was denn wohl gravierend sei, wusste Wowereit keine Antwort.

Berlin, sagte Wowereit in seiner Regierungserklärung, brauche jeden fähigen Kopf. Aber auch um jeden nicht unbedenklichen Preis?


DIE WELT

Eliska
01.08.2002, 10:54
Die Launen des Gekränkten

Von Susanne Scheerer

1. Aug. 2002 „Und letztlich kleben Männer bekanntlich an ihren Stühlen. . .“, sagte Gregor Gysi in einem Zeitungsinterview. Das war Mitte April. Heute widerlegte der PDS-Politiker sein Urteil. Gregor Gysi hat sein Amt als Berliner Wirtschaftssenator und Stellvertreter Klaus Wowereits niedergelegt. Sein Abgeordnetenmandat gibt er ebenfalls zurück. So etwas nennt man dann wohl einen Radikalschnitt.

Überrascht? Das größte Risiko für die PDS sei ihr Star, hatte Forsa-Chef Manfred Güllner erst im Juni gewarnt und gefragt: „Hält Gysi die gesamte Legislaturperiode bis 2005 durch?“ Durchgehalten hat er gerade Mal ein halbes Jahr. Kaum zu glauben, dass der zugegebenermaßen dünnhäutige, aber launige Mann bloß wegen ein paar privat kassierter Bonusmeilen den Hut genommen hat.

Wer erinnert sich noch an den Berliner Wahlkampf im vergangenen Sommer? Da tingelte Gysi unter der Regie seines Parteifreundes André Brie durch die Hauptstadt, gab Lesungen im KaDeWe, traf sich mit Jungunternehmern und warb für sich als Pontifex, als Brückenbauer zwischen dem Ost- und dem Westteil der Stadt; pries die Vorteile Berlins als Wirtschaftsstandort in der Mitte Europas, wollte Kultur und Forschung in ein angemessenes Licht rücken, wagte gar den Vergleich mit den großen europäischen Metropolen Paris und London.


Grenzenloser Horizont

Mit Gysi kam die PDS im Westen an - wenngleich im zweiten Anlauf. Denn erst die geplatzten Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, Grünen und der FDP machten den Weg frei für eine Regierungsbeteiligung der Sozialisten - und für Gysi als Wirtschaftssenator. Das war im Januar. Und der Horizont schien für die PDS plötzlich grenzenlos. Doch Fortuna ist wankelmütig. Da hat sie etwas gemein mit Gregor Gysi: Glück verleiht sie nicht auf Dauer.

Schon einmal schien der kleine Mann seiner Partei abhanden zu kommen. Das ist zwei Jahre her. Auf ihrem Parteitag in Münster versagte die PDS-Basis ihrem Glücksbringer die Gefolgschaft, als der ihr zumutete, Bundeswehreinsätzen im Rahmen von UN-Mandaten zuzustimmen. Der Gekränkte kündigte daraufhin an, als Fraktionsführer im Bundestag nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Klappe runter - Gysi fort. Umso verblüffter waren die Genossen, als er sich im Juni vergangenen Jahres als Spitzenkandidat zurückmeldete: für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus.

Man kann es ein unerwartetes Comeback nennen, man kann es als Coup werten - doch spätestens mit der Kandidatur für das Amt des Regierenden Bürgermeisters wurde deutlich, dass Gysis Unberechenbarkeit berechenbar ist. Und noch etwas zeigt die Rückschau: Die Beziehung zwischen dem launenhaften Star und seiner Partei gleicht dem Verhältnis zweier Hassliebenden. Mal ziehen sie sich an, mal stoßen sie sich ab. Denn immer dann, wenn sich Gysi von den fundamentalistischen Überzeugungen der PDS als Modernisierer absetzte, drohte ihm die geistige Entwurzelung.


Der „rote Wirtschaftsliberale"

Als Berliner Senator haftete ihm gar das Etikett eines „roten Wirtschaftsliberalen“ an, der nach der Herlitz-Pleite Sätze wie diese sagte: „Die kapitalistischen Rahmenbedingungen muss ich akzeptieren. So sage ich es auch den Gewerkschaften in Berlin ganz deutlich: Es macht keinen Sinn, schlechtem Geld gutes hinterher zu werfen.“

Im Gegensatz zu Gysi gilt seine Partei als äußerst diszipliniert. Selten, dass Grabenkämpfe - wie in Münster - offen ausgetragen werden. Doch diesmal war dem Senator, der tiefe Einschnitte bei den Trägern von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen plante, Zoff gewiss. Den muss Gysi nun nicht mehr fürchten. Bei den Haushaltsberatungen wird ein anderer auf seinem Platz sitzen. Wer ist ungewiss. Die Suche nach einem Nachfolger wird schwer.

Sicher scheint indes, dass hohe Parteifreunde verstanden haben, dass auf ihr Showtalent kein Verlass ist. Fraktionschef Roland Claus schloss am Mittwoch schon mal aus, dass Gysi je wieder ein Amt bekleiden wird. Und Parteichefin Gabi Zimmer konnte sich nicht verkneifen, Gysis Entscheidung - bei allem Verständnis für dessen hohen moralischen Anspruch - überzogen zu nennen. Die Diva hat ihrem Tross einen Fußtritt versetzt, die Partei in eine Krise gestürzt. Die Chancen für die PDS, bei der Bundestagswahl in der Hauptstadt möglichst viele Direktmandate zu holen, schwinden. Das wird ihm die Parteiführung nicht verzeihen.


Grüße von Oskar

Und die Fans?
Die werden ihren Gysi als einen hochanständigen Kerl feiern und jeden seiner Auftritte bei Sabine Christiansen bejubeln. Bloß ihre Stimme können sie ihm künftig nicht mehr geben. Gregor Gysi hinterlässt einen ungedeckten Scheck.
Oskar Lafontaine lässt grüßen.

FAZ

Mr. KnowItAll
01.08.2002, 12:38
x

Matze
01.08.2002, 12:54
Och für meinen Teil als Politiker würde mit denen nicht mehr fliegen! Was ist das für eine Art, Kundendaten an die Öffentlichkeit zu geben! Mal ganz abgesehen für die öffentlichen Personen, deren Reiseleben dadurch nachvollziehbar wird :eek: :eek:

Matze

Eliska
02.08.2002, 00:14
"Wir haben nur zwei Leute: Harald Wolf und Stefan Liebich."

Von Joachim Fahrun
Die rot-rote Koalition in Berlin steckt nach dem Rücktritt von PDS-Wirtschaftssenator Gregor Gysi in einer tiefen Krise. Ihre Existenz stehe aber nach einem halben Jahr nicht auf dem Spiel, versicherten am Tag nach dem Paukenschlag unisono die Spitzen der Landesverbände von SPD und PDS. Gysis Rücktritt habe ja keinen landespolitischen Hintergrund, hieß es bei der SPD. Das Klima zwischen den Partnern sei intakt, versicherte PDS-Fraktionschef Harald Wolf.

Ungewöhnlich heftig hat Berlins SPD-Landeschef und Bausenator Peter Strieder Gysi kritisiert. "Gysis Presseerklärung zeugt von großer Selbstverliebtheit", sagte Strieder. Für ihn sei die einzige Erklärung für Gysis Entscheidung, dass er eine gute Gelegenheit genutzt habe, um abzudanken. "Im Stillen zu wirken und eine Verwaltung umzubauen, das ist Kärrnerarbeit. Dafür fehlt ihm der lange Atem."

Eine Kritik, die gerade in der mittleren Funktionärs- und Mandatsträgerebene der PDS durchaus geteilt wird. Hier nahm man Gysi seine Alleingänge schon länger übel. Völlig unklar ist in der nach wie vor geschockten Berliner PDS, wer Gysis Nachfolger als Wirtschaftssenator werden soll. Wer kann gleichzeitig mittelständische Unternehmer versorgen, internationale Konzernchefs anlocken und obendrein ein politisches Gegengewicht zur SPD-Übermacht am Senatstisch bilden?
"Zügig" wolle man die Nachfolge klären, versicherte gestern Landeschef Stefan Liebich. Als wahrscheinlichster Kandidat wurde gestern Fraktionschef Harald Wolf gehandelt.

Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch hatte Wolf ins Gespräch gebracht. Für ihn spräche sein politisches Gewicht in der rot-roten Koalition und seine intimen Kenntnisse der Berliner Problemfälle.
Der als sachkundig geschätzte Finanzexperte wäre im Wirtschaftsressort aber fehlbesetzt, denn es fehlt ihm der Stallgeruch und Gysis Rhetorik, um bei Wirtschaftskapitänen zu bestehen. Außerdem braucht die PDS eine harte Hand an der Fraktionsspitze. Und: Wolf ist Wessi. Und dann hätte die PDS als Walterin der Ostinteressen zwei Westler am Senatstisch und nur einen Ostdeutschen.

Landeschef Liebich ist Betriebswirt und hat die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der Berliner PDS maßgeblich formuliert. Aber mit 29 Jahren scheut Liebich den Sprung in eine Behördenmühle, in der er nur verlieren könnte. In der Riege ihrer Ostberliner Bezirksbürgermeister hätte wohl keiner die nötige Strahlkraft für den Senatorenjob.

In PDS-Kreisen wurde auch Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch als Nachfolger gehandelt. Aber er soll in Mecklenburg-Vorpommern eines der wichtigen Direktmandate für den Bundestag holen. Die letzte DDR-Wirtschaftsministerin Christa Luft hätte zwar Verwaltungserfahrung und genösse Respekt in Partei und Koalition, wäre aber der Wirtschaft kaum zu vermitteln.

Die Option, einen parteilosen Experten oder einen Professor für den Job zu gewinnen, würde die PDS-Seite am Senatstisch empfindlich schwächen. Ein PDS-Landesvorständler wurde unter der Hand deutlich: ,,Wir haben nur zwei Leute: Harald Wolf und Stefan Liebich."


DIE WELT

Schonaj
02.08.2002, 07:19
langsam schein ja rauszukommen, woher die Meldungen kommen:

laut dem ARD-Magazin Kontraste hat der Bund der Steuerzahler eine Liste, auf der Politiker aller Parteien draufstehen, die Bonusmeilen privat genutzt haben. Diese Liste habe der Bund der Steuerzahler bereits im letzten Spätsommer/Herbst der Bundestagsverwaltung vorgelegt.

Man habe die Liste nicht veröffentlicht, weil ein starker Partner dafür fehlte. Das hat alles der stellvertretende Vorsitzende, oder wie das beim Bund der Steuerzahler heißt, im Fernsehen gesagt, und das habe ich auch gerade so von ihm im Radio gehört.

Er geht auch davon aus, dass die aktuellen Veröffentlichungen die gleiche Quelle haben.

Jetzt wirds interessant: der Mitarbeiter, der beim Bund der Steuerzahler mit dieser Liste befasst war, ist seit dem 31.07.2002 dort nicht mehr beschäftigt und hat seit dem 01.08.2002 einen neuen Job bei????? der F.D.P.-Landtagsfraktion in Düsseldorf, in der ein gewisser Jürgen W. Möllemann eine gewisse Rolle spielt.

Gaaanz zufällig wurde bisher nur aus einer Partei kein "Sünder" genannt, obwohl doch Politiker aller (!) Parteien auf der Liste stehen. Merkwürdig ?!?

Eliska
02.08.2002, 21:40
Mehrere Strafanzeigen gestellt

Der Streit um die private Nutzung von Bonusmeilen weitet sich aus. SPD-Generalsekretär Franz Müntefering stellte am Freitag Strafanzeige gegen die «Bild»-Zeitung, den Steuerzahlerbund sowie einen Mitarbeiter der FDP-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen. Die Lufthansa bestätigte einen anonymen Hinweis gegen einen ihrer Mitarbeiter wegen Datenmissbrauchs.

(ap) Die FDP wies Mutmassungen zurück, hinter der Ausforschung von Bundestagsabgeordneten zu stecken. Das ARD-Magazin «Kontraste» hatte berichtet, dem Steuerzahlerbund liege eine Liste von Parlamentariern vor, die dienstliche Bonusmeilen für Freiflüge nutzten. Für diese Liste sei ein Mitarbeiter zuständig gewesen, der inzwischen für die nordrhein-westfälische FDP-Fraktion arbeite. FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper sagte, der neue Wirtschaftsreferent der Landtagsfraktion, Axel Müller, habe seine Erkenntnisse im Auftrag des Steuerzahlerbundes gewonnen, für den er gearbeitet habe. Die Landtagsfraktion bestritt, Kenntnis von der Liste mit Abgeordneten zu haben, die Bonusmeilen der Lufthansa privat genutzt haben sollen.


Kontakte zwischen «Bild» und Steuerzahlerbund

Der Steuerzahlerbund räumte Kontakte zur «Bild»-Zeitung ein, erklärte jedoch, deren Quelle nicht zu kennen. Es habe Gespräche mit dem Blatt gegeben, «bei denen deutlich wurde, dass es auch dort Hinweise auf den Missbrauch von Bonusmeilen» durch Bundestagsabgeordnete gegeben habe. Verbandsvizepräsident Dieter Lau hatte in «Kontraste» erklärt, betroffen seien Abgeordnete aller Parteien.

SPD und Grüne warfen dem Bund der Steuerzahler und der «Bild»-Zeitung vor, eine politische Kampagne gegen die Koalition zu führen. Müntefering begründete seine Anzeige damit, dass die Beteiligten offensichtlich «auf illegalem Wege Kenntnis vom Status der Bonusmeilen der Mitglieder des Bundestages erhalten» hätten. Grünen-Chef Fritz Kuhn bezeichnete den Umgang des Steuerzahlerbundes mit der Liste als skandalös.


Anonymer Hinweis gegen Lufthansa-Mitarbeiter

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erneuerte seine Kritik an der Lufthansa und forderte sie auf, die Liste herauszugeben. Das Unternehmen wies Vorwürfe des Datenmissbrauchs scharf zurück. Ein Sprecher bestätigte indes am Abend, dass die Datenschutzbeauftragte für Nordrhein-Westfalen einen anonymen Hinweis gegen einen Lufthansa-Mitarbeiter erhalten hat. Die Datenschutzbeauftragte habe angekündigt, die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Zugleich habe die Lufthansa selbst Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt.


Neuer Bonusmeilen-Fall

Unterdessen räumte auch der Grünen-Fraktionschef Rezzo Schlauch eine mit dienstlichen Bonusmeilen bezahlte private Flugreise ein. Schlauch erklärte, er habe den Flug nicht bekannt gemacht, weil nach seiner Auffassung «die Art und Weise der Veröffentlichung und der Präsentation der Vorwürfe den Charakter einer Kampagne in Wahlkampf-Zeiten» habe.


NZZ

Eliska
03.08.2002, 22:49
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat um Verständnis für Abgeordnete geworben, die dienstlich erworbene Bonusmeilen für Privatflüge benutzt haben.

„Wenn es zu Regelverletzungen kommt, kann das an der Hektik des Betriebes liegen oder an der Verlockung, die im Bonussystem der Lufthansa absichtsvoll angelegt ist“, sagte Thierse der Bild am Sonntag. Er forderte die Gesellschaft auf, an Politiker nicht andere Maßstäbe zu legen als an sich selbst. Abgeordnete seien keine Heiligen, sondern „ganz normale Menschen, die im Stress auch mal Fehler begehen“.

Zwar hätten Politiker die Pflicht, die Gesetze einzuhalten, die sie selbst verabschiedet hätten. In den vorliegenden Fällen gehe es aber um die Verletzung einer freiwillig vereinbarten Regel, betonte der SPD-Politiker. Die betroffenen Abgeordneten hätten sich „unkollegial verhalten“. Mehr könne man ihnen nicht vorwerfen. Thierse erinnerte an Verstöße gegen das Parteiengesetz und Korruptionsaffären in den vergangenen Jahren.

http://www.sueddeutsche.de/index.php?url=/deutschland/politik/49646&datei=index.php

carlo
16.08.2002, 23:59
...so, so... Politiker sind Menschen wie Du und ich, klar, hätte ich auch gesagt.

Aber,
der große Unterschied ist doch der, daß sie nicht von einem anonymen Arbeitgeber, sondern durch das Steueraufkommen jedes einzelnen bezahlt werden.
Wer in der Privatwirtschaft seinem Arbeitgeber nur einen Kugelschreiber klaut,
kann dafür (theoretisch) gefeuert werden.
Wenn die Herren und Damen Politiker unterschreiben,
daß sie dienstlich erworbene Meilen nicht privat zu verwenden haben,
ist es bereits zuviel verlangt, daß sie sich daran halten.
Friedman, befragt zu seiner aggressiven Art, mit Politikern in seiner Talkshow umzuspringen, antwortete, Politiker sind nicht zu schonen, weil sie vom Volk bezahlt werden...

Ralph
17.08.2002, 00:15
It doch nur noch lächerlich, was da passiert! :mad:

Mal schauen wann Osama Bin Laden zurücktritt, weil er festgestellt hat, dass er "dienstlich" erworbene Bonusmeilen, auf privaten Fluchtunternehmungen verflogen hat.

Oder ein Politiker zurücktritt, weil er zu Hause vor dem Spiegel festgestellt hat, dass sein A.... dicker geworden ist, weil er bei einem Staatsbankett zu oft dienstlich ans Buffet gegangen ist!

Wer das gesagt hat, könnt ihr leicht erraten!

Es ist nur noch lächerlich! :mad:

carlo
20.08.2002, 01:05
...ist es leider nicht, ralph.
Auch Du bezahlst die Politiker, wenn nicht durch Einkommenssteuer, dann wenigstens durch Verbrauchssteuern; das ist eben das besondere, es geht nicht um den Arbeitnehmer, der sein monatliches Salär aus der Schatulle seines Arbeitgebers erhält,
sondern um Menschen, die sich ohne Druck für die Interessenvertretung des Volkes entschieden haben.
Oder kennst Du einen Politiker, der gesagt hat, die Umstände haben ihn gezwungen,
Politiker zu werden? Eben.
Folglich dürfen wir einen exquisiten Umgang mit den Geldern erwarten, die unsere Damen und Herren Poliker entlohnen. Desweiteren auch eine Vorbildfunktion für uns,
woran, bitte schön, sollen wir uns sonst orientieren? An Kanzlers 4. Ehefrau oder an
der anarchistischen Jugend des Außenministers? Wie soll man mit diesen Historien einem
19jährigen Skinhead aus (Verzeihung!) Brandenburg klarmachen, daß sein Tun menschenunwürdig ist?. Könnte seine Antwort:" Wieso, der Fischer hat in seiner Jugend auch die Bullen plattgemacht, warum soll ich die Ausländer schonen?",
nicht ziemlich entwaffnen?
Interessant in diesem Zusammenhang finde ich auch,
daß einstige Moralapostel, wie Rezzo Schlauch, die keine Gelegenheit ausließen,
den politischen Gegner als unmoralisch darzustellen, nun selbstherrlich beschließen,
daß der eigene Fehler doch nur zu menschlich sei...