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Vollständige Version anzeigen : Noch mehr Meilen!


Eliska
05.08.2002, 19:22
Jetzt heben auch Presserat und DJV mit Miles & More ab

So schnell hat der Deutsche Presserat noch nie gearbeitet.
Normalerweise dauert es Monate, bis eine Beschwerde dort zur Verhandlung kommt. Doch das soll sich ändern: Noch vor der Bundestagswahl, so beeilt sich Manfred Protze zu erklären, der Vorsitzende des Beschwerdeausschusses für den redaktionellen Datenschutz, werde die Sache geprüft.

Die Sache - das ist die Berichterstattung der "Bild"-Zeitung über die Miles & More-Affäre. Die Protze und sein Kollege Rolf Lautenbach vom Deutschen Journalistenverband (DJV) offenbar für ganz unerträglich halten. Sie sind ganz sicher in ihrem Urteil, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugeht.
"Das demokratische politische System schließt die Freiheit der Presse mit ein, und die darf sich nicht außerhalb des Gesetzes stellen", meint Protze.
Bei der Berichterstattung der "Bild" handele es sich um eine "Kampagne", rügt DJV-Mann Lautenbach. "Journalisten sind verpflichtet, die volle Wahrheit zu schreiben, und sie dürfen sie auch nicht scheibchenweise veröffentlichen", meint er.

Wir aber meinen:
Die Standesvertreter der sogenannten vierten Gewalt sind offenbar von allen guten Geistern verlassen.<BR/><BR/>Während sie nämlich das Gegenteil von dem tun, was sie tun sollen, oder aber genau das, was sie anderen vorwerfen, und fleißig vorverurteilen, was ihrer Überprüfung noch entzogen sein dürfte, greift die Bundesregierung in dieser Sache zu Mitteln, die eines Franz Josef Strauß würdig wären:
Franz Müntefering, der einem Landesverband der SPD vorsteht, bei dem man langsam den Überblick verliert, welche führenden Funktionäre der Korruption verdächtigt werden und einsitzen und welche nicht, stellt Strafanzeige gegen die "Bild" wegen Verstoßes gegen den Datenschutz. Und sein Parteifreund Ludwig Stiegler, der neue Chef der SPD-Fraktion im Bundestag, geht noch einen Schritt weiter. Er möchte, wie er am Samstag in einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk sagte, das "Medienrecht entsprechend ändern".
Was "Bild" und Bund der Steuerzahler hier betrieben, habe man im Mittelalter "Pranger" genannt. "In Zukunft" müsse derlei Veröffentlichung, vor der nur "Großkopferte" geschützt seien, "die große Anzeigen schalten können", "so teuer werden, daß der Anreiz, damit eine Auflagensteigerung zu suchen, etwas geringer wird".

"Ein gewisser Masterplan" steckt nach Ansicht von Ludwig Stiegler hinter all dem, was in diesen Tagen so zu lesen ist, und den will er kontern. Es scheint fast, als seien wir nur noch einen Hauch von dem guten, alten "Schweinejournalismus" entfernt, jenem Diktum, mit dem Oskar Lafontaine in die deutsche Pressegeschichte eingegangen ist.<BR/><BR/>"
Das ist ein Angriff auf die Pressefreiheit", sagte der Chefredakteur der "Bild", Kai Diekmann, dazu auf Anfrage dieser Zeitung: "Die ,Bild'-Zeitung wird sich aber weder durch Drohungen noch durch Klagen einschüchtern lassen."
Was die Einlassungen von DJV und Presserat angeht, sagte Diekmann, vor allem mit Blick auf letzteren, sie hätten sich "professionell disqualifiziert": "Jemand, der die Einhaltung der journalistischen Sorgfalt im Auftrag der Presse selbst überwachen soll, darf dieselbe bei seiner Arbeit nicht missen lassen. Es handelt sich hier um eine Vorverurteilung ohnegleichen, die geäußert wird, ohne daß jemand den Versuch unternommen hätte, sich bei mir kundig zu machen. Der Zeitpunkt unserer Veröffentlichung war vom Eingang der Antworten der betroffenen Politiker abhängig."
Was den Presserat angeht, meint Diekmann schließlich:
"Es stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Institution."<BR/><BR/>

Angst und bange kann einem langsam schon werden, wenn man sieht, welche Folgen der nichtige Anlaß von Miles & More zeitigen könnte. Ging es eben noch um rätselhaft-unangemessen scheinende Politiker-Rücktritte, steht jetzt schon die Pressefreiheit auf dem Prüfstand.

Das wird sicherlich doch noch ein ganz interessantes Wahlkampfthema.<BR/><BR/>MICHAEL HANFELD


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2002, Nr. 179 / Seite 34

Schonaj
05.08.2002, 21:12
Gut fand ich gestern eine Karikatur in der FAZ am Sonntag:

ein Flugzeug fliegt und der Pilot sagt: "Ich habe zwei Informationen für Sie: dieses Flugzeug wird gerade entführt und jetzt die gute Nachricht: der Umweg wird Ihrem Bonus-Meilenkonto selbstverständlich gutgeschrieben"

carlo
06.08.2002, 00:15
@ Eliska,

dieser Artikel zeigt einmal mehr,
in welch übersättigter Lage sich die Bundesrepublikanische Gesellschaft befindet.
Sogenannte Volksvertreter, entlohnt durch die täglichen Zahlungen des Volkes,
sind nicht mehr in der Lage, Recht und Unrecht auseinanderzuhalten,
ein privater First-Class-Trip nach Bangkok geriert zur ("wohlverdienten") Gegenleistung für viele "Dienstflüge" auf Kosten des Steuerzahlers.
Wer es wagt, zu kritisieren, wird mit Strafanzeigen überzogen, die Pressefreiheit hat
halt ihre Grenzen...
Der Bundestagspräsident setzt einem Großunternehmen in alter sozialistischer Manier
ein Ultimatum für die Herausgabe von Daten, die nach dem Datenschutzgesetz §5 geschützt sind und verwischt sein eigenes Desinteresse an den Dingen vor 10 Monaten.
Der eine Ertappte wollte für ai spenden, bevor er zurücktrat,
der andere trat gleich zurück, der dritte glaubt, mit einer nachträglichen Bezahlung
des Tickets sei alles erledigt.
Und wer ein scheinbar reines Gewissen hat, spricht von einer "Hetzjagd" auf Politiker.

Wie schreibt Kosto 8 immer so schön: Bananenrepublik Deutschland,
leider hat er recht.

Eliska
06.08.2002, 01:13
Ja, carlo, du hast Recht.
Und deshalb habe ich aus der großen Auswahl von Themen in der Presse auch dieses gewählt. Es geht da offensichtlich um noch mehr, als angeprangert wird.

Natürlich wird viel Staub aufgewirbelt - aber das ist der Sinn der Sache, denn ohne die Gefahr, auf diese Weise in den Blickkpunkt der Öffentlichkeit zu geraten, würde sich mancher noch schamloser verhalten.
So ist nun mal der Mensch, wenn er nicht festgefügte Werte hat!

Was mich stört und misstrauisch macht, ist der Zeitpunkt, praktisch der Beginn der heißen Phase des Wahlkampfes. Da scheint´s mir nicht mehr um Recht und Ordnung zu gehen sondern um Geld und Macht/Einfluss/Parteinahme oder wie auch immer!
Und das macht die Geschichte noch schlimmer.

Gruß
Eliska :ne

carlo
06.08.2002, 01:30
@ eliska

"...Greeny kämpft jetzt um alles", sagt germa immer,
die SPD spürt ihren Machtverlust und ist sich nicht zu schade,
auf niederste menschliche Instinkte zu setzen, um die bevorstehende Wahl noch zu gewinnen. Das ist das eigentlich Abschreckende, Machterhalt um jeden Preis,
Volksverdummung per excellence.

Ich finde es aber sehr gut,
daß Du hier bei SCN solche Themen ansprichst, die meisten Zeitgenossen sind ja recht
unpolitisch und besitzen außer Börse nicht allzuviel Interesse an Politik.
Schade eigentlich, beides gehört zusammen!

Eliska
06.08.2002, 08:34
Danke, carlo, :)

den Blick über den eigenen Tellerrand sollte man nie vergessen.
Gerade auch die Politik kann nicht unbeträchtlichen Einfluss auf unser Leben und unsere Einstellungen haben.

Gruß
Eliska:)

carlo
06.08.2002, 19:45
Völlig richtig eliska :) ,

wie anders wäre sonst zu erklären,
daß unsere Großeltern in der Überzahl von Adolf Hitler begeistert waren?
Wie war es möglich, daß unsere Brüder und Schwestern im Osten solange eingesperrt leben konnten und kaum aufmuckten?
Wieso gibt es keinen Volksaufstand in Nordkorea, wo bisher 3 Millionen an Unterernährung gestorben sind?

Die Politik trägt eine Riesenverantwortung für ein Land,
bei uns hat sie sich leider zur Kaste entwickelt, die ihr eigene Moral entwickelt,
die von den "Menschen da draußen" spricht und durch und durch von Lobbyisten
durchsetzt ist. Sollte sich das Bewußtsein um diese Dinge nicht bald ändern,
hat diese Gesellschaft ihren Höhepunkt hinter sich gelassen.
Technologiefeindlichkeit, Umweltgläubigkeit, Tierschicksale finden mehr Beachtung als
das mancher Mitmenschen - ach, ich höre jetzt lieber auf.

Mögen die Wahlen im September verantwortungsvolle Menschen an die Macht bringen,
damit unsere Kinder dieses Land in 30 Jahren noch lebenswert finden!

Eliska
06.08.2002, 20:09
Carlo, wie das mit der "Begeisterung für Hitler" wirklich gewesen sein mag, vermittelt dir ein höchst interessanter Artikel aus der ZEIT, den german am 26. 06. 02 in der Presseschau gepostet hat-

Er hat mich so fasziniert - sozusagen als authentischer Geschichtsunterricht - dass ich ihn mir abgespeichert habe:
http://www.zeit.de/2002/21/Politik/200221_haffner.html

Ich denke, er wird dich sehr interessieren.

Was noch zu den von dir angeschnittenen Themen interessieren könnte, ist ein Artikel über politische Correctness
http://www.stock-channel.net/stock-board/showthread.php3?s=&threadid=7787&perpage=20&highlight=Kaste&pagenumber=2
#22.

Ich weiß nicht, ob du beide schon mitbekommen hast, denn du bist ja erst seit Juni bei uns.

Gruß
Eliska:)

carlo
06.08.2002, 23:36
Hallo eliska,

Du bist ja sehr süß - die Zeit habe ich seit 5 Jahren im Abo,
da gab´s SCN noch gar nicht - aber trotzdem vielen Dank für Deinen Hinweis :)

Sebastian Haffner halte ich sowieso für einen der besten Autoren,
der, aufgrund seines Lebenslaufes, die Ära des Nationalsozialismus recht unverkrampft und trotzdem aus deutscher Sicht beleuchten konnte. Würde unsere Schulpolitik eine andere sein, gäbe es wohl viel mehr verantwortungsvollen Umgang mit diesem düsteren
Kapitel und für die Möllemanns kein Gehör.
Ich habe, zugegeben, erst vor kurzem bemerkt, wie politisch der chill out sein kann,
mach auf jeden Fall weiter, ich werde mich zu Wort melden, wenn ich eine Meinung zum Thema habe.

Vielen Dank nochmal an Dich
:)

Eliska
06.08.2002, 23:55
Danke, carlo :)

Nun noch ein Gedanke, der mir beim Lesen deiner Statements gekommen ist. Ständig sprichst du - wie wir übrigens alle - davon, was die Politik bewirken müsste. Natürlich stellt sie mitentscheidende Weichen - aber ist nicht umso wichtiger die Rolle, die jeder einzelne an seinem Platz in Erfüllung seiner Aufgaben spielt?

Ich frage mich daher durchaus selbstkritisch, ist nicht auch die Politik ein Spiegelbild der Gesellschaft und finden wir nicht alle in den Politikern wunderbare Sündenböcke für unsere eigene Werte- und Verantwortungslosigkeit?

Gruß
Eliska

carlo
07.08.2002, 14:46
So ist es, Eliska. :)

Dieter Hildebrandt hat einmal gesagt:
Die Leute wollen eigentlich keinen Edelmann als Politiker,
sondern einen, der ihre eigenen Schweinereien abdeckt, ein "Hund" sozusagen.
Der Staat - das ist ja kein unpersönliches, fremdes Wesen, daß uns sagt, was wir tun und lassen können, der Staat - das sind am Ende wir alle. Das Grundübel besteht für mich darin, daß die Politik sich mit dem Gebilde Staat zu weit von den Menschen,
die sie wählen sollen, entfernt hat. Indikator dafür ist die Wahlbeteiligung.
In den 50ern/60ern lag sie wesentlich höher, in Berlin lag sie einmal bei 93%(!),
heute geht in manchen Bundesländern geht gerade noch die Häfte wählen.
Vielen Menschen fehlt einfach die Identifikation mit der Politik, vielen anderen ist es schlicht egal, wer sie regiert. Ihre Grundbedürfnisse sind übererfüllt, es geht nur noch um
Zweithandy, Drittwagen, das ultimative Spaßerlebnis, die teuersten Klamotten.
Diese Gesellschaft hat ihre hohen Wertvorstellungen eingetauscht, und so gesehen,
kann man nicht einmal Menschen einen Vorwurf machen, die in der Politik weniger
Ehrenhaftigkeit und Moral sehen als vielmehr eine Chance auf eine gut dotierte
Karrieremöglichkeit mit sicherer Rente, schon nach wenigen Jahren.
Vermutlich muß es vielen Menschen erst wieder schlecht gehen, um ein Umdenken
in der Bevölkerung wie der Politik zu bewirken, leider. Hoffentlich, und das ist die große
Gefahr, gelangen hierdurch nicht extreme Parteien an die Macht, die PDS ist ja schon
salonfähig geworden, obwohl sie in ihrem Parteiprogramm die Abschaffung unseres
Systems zum Ziel erklären...
Persönlich kann man entweder selbst in eine Partei eintreten oder eine gründen,
vielleicht reicht aber auch schon ein kleiner Denkanstoß, wie hier über SCN,
in dessen Folge sich die Leser einfach mal Gedanken machen...I hope so.

Eliska
07.08.2002, 17:51
Und damit wären wir bei dem Begriffen Freiheit und Würde.

Wir sprechen von Wahlrecht. Dass damit eigentlich die Wahlpflicht, die Verpflichtung gemeint ist, nach bestem Wissen und Gewissen, diejenigen zu wählen, in deren Hände man das Wohl des Staates - also unserer eigenes Wohl - am ehesten glaubt legen zu können .

Dies hinwiderum würde Vertrauen voraussetzen. Und damit ist es heutzutage ziemlich schlecht bestellt. Wer ist denn noch in der Lage, Vertrauen zu entwickeln, wenn permanent "Unregelmäßigkeiten" unserer gewählten Vertreter entdeckt werden und für eine Diskriminierung des gesamten "Berufsstands" der Politiker sorgen???
Von den Folgen des negativen Vorbilds möchte ich gar nicht erst anfangen zu sprechen. :ne

Trotzdem entbindet die zunehmende Politik(er)verdrossenheit uns nicht von unseren demokratischen Pflichten und Rechten. Ich halte das Wahl- oder Nicht-Wahlmotiv "Denkzettel" in der Regel für ein wohlfeiles Mäntelchen persönlicher Bequemlichkeit.

Ist es nicht ein Zeichen unserer Freiheit, dass wir überhaupt eine Wahl haben?!
Entspricht es nicht würdevollem Verhalten, sie wahrzunehmen?
Jaja, ich weiß, ein antiquierter Begriff - vielleicht aber keine antiquierte Vorstellung?!

Komisch, fällt mir gerade auf, über dieses Thema wird eigentlich kaum je gesprochen. Ist wahrscheinlich nicht fetzíg genug. ;)

Eliska

carlo
08.08.2002, 02:01
Ja, genau,
viele Nichtwähler üben sich doch nur in modischen Posen,
" denen hab´ich´s gezeigt, meine Stimme kriegen die nicht..hähä..."
Mich würde mal interessieren, wieviel von denen plötzlich nach dem Staat schreien,
wenn irgendetwas ganz wichtiges in ihrem privaten Umfeld, für das der Staat zuständig ist, nicht mehr funktioniert - vielleicht ein Einbruch zuhause, und auf der Polizeiwache geht keiner mehr ans Telefon... :hihi
Vielleicht wär eine Verpflichtung zur Stimmabgabe gar nicht so schlecht.
Auch, wenn Politiker nicht die besseren Menschen sind.

Viele Grüsse
:)