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Eliska
06.08.2002, 21:40
Die Guten ins Töpfchen

Eingangstests sollen an Unis in Bayreuth und München die Abbrecherquoten senken

Von Christine Burtscheidt

Auch das Leben eines Studienberaters hat seine Glücksmomente.
Im Juni war so einer für Christian Kredler. Erst dachte der akademische Direktor an der mathematischen Fakultät der Technischen Universität München an nichts Besonderes, als er in seiner Post einmal wieder ein Bewerbungsschreiben eines Studenten fand. Doch dann weckte der Absender seine Neugier: „Ein Tunesier, der das zweitbeste Abitur in seinem Land gemacht hatte“, erzählt er. Seine Bewerbung war „in fast perfektem Deutsch geschrieben.“ Für Kredler ein klarer Fall: „Ein 1-A-Mann, den wir wollen.“


Ein Experiment

Seit Wochen beschäftigt sich der Studienberater mit nichts anderem als der Sichtung solcher Unterlagen. Denn erstmals zum kommenden Wintersemester wählt die TU-Fakultät ihre Studenten selbst aus. Genauso die Informatik und die Chemie, Fächer also mit hohem Zulauf und ebenso hohen Abbrecherquoten – bis zu 55 Prozent. In der Regel unterliegen sie einem örtlichen Numerus clausus (NC). Dass es nun erstmals Eignungstests gibt, ist bundesweit ein Novum.

Der Bayerische Landtag genehmigte das Experiment in allen Studiengängen, die nicht von der Zentralen Vergabestelle in Dortmund (ZVS) verwaltet werden. Sollte sich das Auswahlverfahren durch die Hochschulen als bessere Alternative zum Numerus-clausus der ZVS herausstellen, dann könnte der bayerische Weg möglicherweise auch hier bald Vorbild sein.

Noch aber muss Bayern dafür erst den Beweis erbringen, allen voran die TU und ihr Präsident Wolfgang Herrmann, der die Auswahl unbedingt wollte. Die Zahl der Zweifler und Kritiker ist nicht gerade klein. Sie reicht bis ins Amtszimmer von Wissenschaftsminister Hans Zehetmair. Es gibt Bedenken, dass das Abitur entwertet werden könnte, dass die Auswahlgespräche zu subjektiv sein könnten oder der Aufwand zu groß.

So ist vorerst der Kreis derer, die teilnehmen, überschaubar geblieben:
die beiden Münchner Universitäten und die in Bayreuth.
„Uns fehlt das Instrumentarium. In den USA stehen den Hochschulen dafür ganze Abteilungen zur Verfügung“, erklärt Karl-Dieter Grüske, Rektor der Erlanger Universität, die zögerliche Haltung seiner Professoren. Wie an anderen Universitäten will man auch in Mittelfranken erst einmal abwarten, ob der Probelauf in München und Bayreuth wirklich hilft, die hohen Abrecherquoten zu senken.


Unterschiedliche Verfahren

Die drei Universitäten haben sich für unterschiedliche Aufnahmeverfahren entschieden. Bayreuth und die TU München bevorzugen Auswahlgespräche, die Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) hingegen eine Klausur – „wir halten das für fairer, weil objektiver“, sagt LMU-Informatikprofessor Hans Jürgen Ohlbach. Die Klausur wird am 12. Juli geschrieben, abgefragt werden Kenntnisse in Deutsch, Englisch und Mathe.

An der TU gibt es mehrere Prüfungsteams, in denen Dekane, Studiendekane, Professoren, Lehrer, und beratend auch schon mal Studenten sitzen. „Wir fragen nach der Motivation der Bewerber, das Studium aufzunehmen, nach ihren Neigungen, testen aber auch ihre Fähigkeit zu logischem Denken“, sagt Ernst Mayr, Dekan der Fakultät für Informatik an der TU.

Die meisten Gespräche finden jetzt im August statt. Allerdings werden nicht alle Bewerber dazu eingeladen, sondern lediglich Wackelkandidaten, die bei einem bloßen NC-Verfahren nach Abiturnote oftmals keine Chance hätten. Die Zahl der Prüflinge ist jedoch gering.
„Das Auswahlverfahren zieht exzellente Leute an. Wir bekommen erstmals Bewerbungen aus ganz Deutschland“, sagt Kredler, der inzwischen einen Überblick über das Fach Mathematik hat.

Knapp zwei Drittel der Bewerber haben einen Abiturdurchschnitt von 2,0 und besser. Sie sind bereits angenommen. „Die guten Studenten wollen es gerade wissen“, sagt auch Präsident Herrmann. Eignungstests schreckten nicht ab, sondern seien ein „klarer Wettbewerbsvorteil“. Tatsächlich haben sich in Mathematik 100 Kandidaten mehr als im Vorjahr beworben. In Chemie sind es mit 150 sogar doppelt so viele, und in Informatik ist die Zahl mit 800 auf dem hohen Stand des Vorjahres geblieben. Gleiches gilt auch für die LMU mit 256 Bewerbern in der Informatik.

Nur ein Drittel der Bewerber muss sich den zusätzlichen Eignungstests unterziehen oder ist bereits abgelehnt. An der Uni Bayreuth, die sich mit dem neuen Bachelor-Studiengang „Philosophie und Ökonomie“ am Eignungsverfahren beteiligt, wurden in einer ersten Sichtung ein Drittel der 136 Bewerber abgewiesen, vergleichsweise viele. „Wir können nur Leute nehmen, die fähig zur philosophischen Gedankenführung sind“, sagt Präsident Helmut Ruppert.

» Unser Ziel ist nicht, Studentenzahlen zu senken, sondern auch originellen Menschen eine Chance zu geben, die im Abitur nur mittelprächtig waren. «
Wolfgang Herrmann, TU München

In München waren Absagen bislang die Ausnahme, etwa elf in der Mathematik an der TU, 16 in der Informatik an der LMU. Das Gros der weniger geeigneten Bewerber darf nochmals in die Klausur oder ins Gespräch. „Unser Ziel ist nicht, Studentenzahlen zu senken, sondern auch originellen Menschen eine Chance zu geben, die im Abitur nur mittelprächtig waren“, sagt Herrmann.

Die Exzellenten sind der TU eh schon sicher. So auch der Tunesier. Er fängt im nächsten Semester mit Mathematik an.

Süddeutsche Zeitung