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Vollständige Version anzeigen : Hartz-Kommissions. Neu: Personal für Reform des Arbeitsmarkts fehlt


Eliska
10.08.2002, 00:48
Besser, schneller und erfolgreicher

Job-Center: Das neue Arbeitsamt soll zentrale Anlaufstelle für alle Erwerbsfähigen – auch für Sozialhilfeempfänger – werden. Damit entfallen für viele die doppelten Wege zum Arbeits- und zum Sozialamt. Ein „Fallmanager“ kümmert sich um den Arbeitslosen.

Quick-Vermittlung:
Arbeitslose sollen künftig schneller vermittelt werden, die durchschnittliche Dauer soll von derzeit 32 Wochen auf 22 Wochen verkürzt werden. Dafür muss die Betreuung intensiver werden – das angestrebte Verhältnis Vermittler zu Arbeitslosen soll künftig maximal 1:60 statt 1:200 betragen. Wer seine Kündigung erhält, muss sich sofort arbeitslos melden, sonst drohen Kürzungen. Bei Verspätung kann es beim Arbeitslosengeld Abzüge in Höhe bis zu 50 Euro pro Tag geben. Dafür kann das Arbeitsamt sofort mit der Suche nach einem neuen Job loslegen. Auch der Arbeitgeber soll seinen Beitrag leisten und gekündigte Mitarbeiter zeitweise freistellen, etwa für Vorstellungsgespräche, aber auch für regelmäßige Beratungsgespräche im Arbeitsamt.

Zeitarbeit: Den bundesweit 181 Arbeitsämtern sollen so genannte Personal-Service-Agenturen (PSA) angegliedert werden – ein Kernstück des Hartz-Konzeptes. Die Agenturen verleihen Arbeitslose befristet an Unternehmen. Über die Leiharbeitsagentur sollen den Arbeitslosen auch Trainings- und Weiterbildungsmaßnahmen organisiert werden.

Leistungen:
Das Arbeitslosengeld soll wie bisher bis zu 36 Monate lang gezahlt werden. Anstelle der Arbeitslosenhilfe tritt das so genannte Arbeitslosengeld II, das der jetzigen Arbeitslosenhilfe entspricht und unbegrenzt bezogen werden kann. Allerdings sollen künftig auch Sozialhilfeempfänger, die erwerbsfähig sind, dieses Arbeitslosengeld II erhalten. Nach langem Ringen hat die Kommission entgegen früherer Überlegungen auf pauschale Kürzungen verzichtet. Zunächst war im Gespräch, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes auf maximal ein Jahr zu begrenzen, auch für ältere Menschen. Sollten jedoch die geplanten individuellen Kürzungen nicht greifen, so soll in drei Jahren nach einer Überprüfung neu über generelle Einschnitte nachgedacht werden.

Zumutbarkeit:
Die Regeln für die Annahme einer Arbeit sollen verschärft werden. Wer jung ist und Single, muss bereits in den ersten drei Monaten seiner Arbeitslosigkeit Jobangebote in ganz Deutschland annehmen und bis zu 20 Prozent Lohneinbußen in Kauf nehmen. Arbeitslose mit Kindern müssen erst nach sechs Monaten einen Job in einer anderen Stadt akzeptieren. Damit sich die Zumutbarkeiten besser durchsetzen lassen, soll die Beweislast umgekehrt werden: Künftig muss ein Arbeitsloser nachweisen, dass er einen Job nicht annehmen kann.

Mini-Jobs:
Die Grenze von Billig-Jobs soll von derzeit 325 auf 500 Euro im Monat hochgesetzt werden. Zwischen 501 und 800 Euro sollen Zuschüsse zur Sozialversicherung gewährt werden. Zunächst sollen Mini-Jobs nur für die so genannten haushaltsnahen Dienstleistungen gelten, also etwa Haushaltshilfen oder Babysitter. Nur Arbeitslose sollen einen solchen Niedriglohn-Job annehmen können. An eine Ausweitung auf andere Bereiche denkt die Kommission nach einer neuen Beurteilung in drei Jahren.

Ich AG:
Arbeitslose sollen sich künftig in einer so genannten Ich AG selbstständig machen können. Bis zu einem Jahreseinkommen von 15 000 Euro, bleiben die Einnahmen zudem sozialversicherungsfrei. Es wird nur eine Pauschalsteuer in Höhe von zehn Prozent fällig. Der Anspruch auf das Arbeitslosengeld entfällt mit der Ich AG nicht.

Ältere Arbeitslose:
Befristete Verträge sollen generell für über 50-Jährige ermöglicht werden – bisher ist das erst ab dem Alter von 58 Jahren möglich. Hartz erhofft sich davon, dass mehr Unternehmen ältere Arbeitnehmer einstellen. Wer älter als 55 Jahre ist und nicht mehr vom Arbeitsamt vermittelt werden möchte, soll bis zur Rente mit einem reduzierten Arbeitslosengeld zu Hause bleiben dürfen.

Job-Floater:
Für viel Aufregung sorgte der jüngste Vorschlag aus der Hartz-Kommission: eine Job-Anleihe, mit der in den kommenden drei Jahren Geld in die neuen Länder gelenkt werden soll. Wenn ein Unternehmen einen Arbeitslosen anheuert und damit zusätzliche Arbeitsplätze schafft, soll es eine Eigenkapitalhilfe sowie zusätzliche Kreditmittel geben. Die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau soll den Job-Floater auflegen. Für das Wertpapier erhalten Anleger Steuervergünstigungen. In letzter Sekunde ist das ursprüngliche Volumen stark eingedampft worden – zunächst war von 150 Milliarden Euro die Rede, jetzt soll es nur noch ein Bruchteil von dieser Summe sein. ce

Der Tagesspiegel

Eliska
08.09.2002, 09:47
In den Gewerkschaften schwelt die Kritik an zentralen Vorschlägen der Hartz-Kommission zur Reform des Arbeitsmarktes

http://www.welt.de/print-wams/article606674/Gewerkschaften_machen_Front_gegen_Hartz_Reform.html

carlo
08.09.2002, 23:34
Im Konzept der Hartz-Kommission stecken viele Überlegungen der CDU, deren Vorschläge aber regelmäßig von den Sozis als unzumutbarer Abbau des Sozialstaates und "Vergreifens an den Schwächsten" (Ottmar Schreiner) abgekanzelt wurden.

Meiner Meinung nach sollte auf die Vermittlung von Arbeitslosen durch den Staat in der bisherigen Form generell verzichtet werden. Das hört sich einschneidend an, und ist es auch. Viele Menschen geraten unverschuldet in die Arbeitslosigkeit. Arbeitsamtvermittler berichten hierüber, daß sich etwa 50% der arbeitslos gewordenen alleine einen neuen Job suchen, ca. 25% durch das Arbeitsamt vermittelt werden und die übrigen 25% alle Mittel und Möglichkeiten ausschöpfen arbeitslos zu bleiben, da sie sich durch Zusatzverdienste "am Wochenende" inzwischen sehr gut mit der Arbeitslosigkeit arrangiert haben. (Quelle für die Prozentangaben: FAZ-Businessradio aus einem Fachgespräch)
Hieraus folgt, daß nur ca. jeder Vierte durch´s Arbeitsamt vermittelt wird.
Eine Behörde mit 80.000 Beschäftigten, die sich um etwa 4 Mio. Arbeitslose kümmern soll, von denen wiederum nur 1 Million tatsächlich durch deren eigene Anstrengung vermittelt wird, leistet sich den Luxus, daß ein Beamter 12,5 Arbeitslose im Jahr zurück in Lohn und Brot bringt, im Jahr versteht sich. Luxus pur, oder?

Eliska
08.09.2002, 23:53
Nun, man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

Soweit ich orientiert bin, hat das Arbeitsamt neben der Stellenvermittlung noch einige weitere Aufgaben.

carlo
09.09.2002, 00:15
@ eliska,

Aufgaben des Arbeitsamtes:
Zu den Aufgaben der Bundesanstalt für Arbeit gehören: - Berufsberatung, - Vermittlung in Ausbildungs- und Arbeitsstellen, - Arbeitgeberberatung, - Förderung der Berufsausbildung, - Förderung der beruflichen Weiterbildung, - Förderung der beruflichen Eingliederung Behinderter, - Leistungen zur Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen und - Entgeltersatzleistungen, wie z.B. Arbeitslosengeld oder Insolvenzgeld. Außerdem betreibt die Bundesanstalt für Arbeit Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Arbeitsmarktbeobachtung und -berichterstattung und führt Arbeitsmarktstatistiken. Ferner gewährt sie im Auftrag des Bundes Arbeitslosenhilfe und - als Familienkasse - Kindergeld. Ihr sind auch Ordnungsaufgaben zur Bekämpfung der illegalen Beschäftigung und des Schwerbehindertengesetzes übertragen.
Quelle: www.arbeitsamt.de

Meine Meinung:
Das liest sich zwar toll, sieht doch aber in der Praxis recht bescheiden aus.
Ich denke, hier muß das Prinzip geändert werden, mehr Eigenverantwortung ist gefragt, nicht mehr das Fallenlassen in die "soziale Hängematte" von Vater Staat.
Dem Menschen an sich ist kein Vorwurf zu machen, wir sind so konstruiert, daß wir in aller Regel den bequemsten Weg suchen, das gibt uns das limbische System vor. Wem es gut geht, egal auf welchem level, der bewegt sich nicht.
Meine Symphatie gilt Randgruppen, wie zum Beispiel Behinderten, die kaum ein Arbeitgeber gerne einstellt, obwohl sie oft durch ihre Behinderung wesentlich motivierter sind als andere. Allgemein gilt jedoch, all die Aufgaben des Arbeitsamtes,
die nach der Stellenvermittlung noch übrig blieben, wären privatwirtschaftlich wesentlich effizienter zu bewältigen.

Eliska
21.09.2002, 23:47
Der Abbau der Arbeitslosigkeit, so tönte es wochenlang von allen Wahlkampfbühnen der Republik, sei die größte Herausforderung der nächsten Legislaturperiode. Mit welchem Personal die Parteien diese Herkulesaufgabe angehen wollen, ist aber auch drei Tage vor der Wahl ungewiss.

http://www.ftd.de/politik/deutschland/:personal-fuer-reform-des-arbeitsmarkts-fehlt/1032435487565.html