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Vollständige Version anzeigen : Die arrangierte Hinrichtung


Eliska
02.09.2002, 22:24
Mit zwei ungleichen Porträts über Gerhard Schröder und Edmund Stoiber greift die ARD in den Wahlkampf ein

Von Guido Heinen

Stoiber schreit. Und hackt und ruckt und äht. Und grinst und zwinkert und schwitzt. Stoiber in der Totalen. Gerne von unten, die Nasenlöcher ausgeleuchtet, brillenbügelkauend, augenblinzelnd. Fast acht Monate haben die Autoren Chris Humbs und Marcus Weller den Kanzlerkandidaten der Union im Wahlkampf begleitet. Einiges von dem, was sie gesehen haben, haben sie zusammengefügt zu einem filmischen Porträt. Es ist filmerisch-handwerklich raffiniert, journalistisch jedoch erschreckend parteiisch.

Mit sichtlichem Vergnügen und hoher Kreativität haben die beiden SFB-Autoren eine Hinrichtung arrangiert. Mit scharfem Auge hat die erstklassig arbeitende Kamera alles eingefangen, was man an Stoiber irgendwie doof finden kann. Klar, dass das Stück mit der berühmten "Christiansen"-Szene beginnen muss, klar auch, dass Stoiber permanent Hände schüttelt und "Danke" sagt, alles hintereinandergeschnitten bis zur Debilitätsgrenze.

Zuweilen gelingen den Autoren wirklich großartige Einblicke. Etwa in die Gesichter von Stoiber oder Spreng, denen Kommentare herausrutschen, die sie sicher nicht so gerne gesendet sehen wollen. Etwa, wenn Spreng nach einem Pressestatement Stoiber lobend auf die Schulter klopft: "Sehr gut!" Glaubwürdiger wäre der ganze Film jedoch, wenn der Blick auch nur einmal in die Tiefe gehen würde. Oder wenigstens fair bliebe.

Statt dessen wird jedes noch so entfernt vergrabene Klischee freigelegt: In Bayern Volksmusik, im Osten Sprachlosigkeit, im Legoland Kinder zum Winken nötigen, bei Pressekonferenzen seltsame Pausen machen. Die beiden Autoren finden es unbändig witzig, die Schwächen, Lücken und Schleifen in acht Monaten Politikerleben auf 45 Minuten zu verdichten. Der SFB sendet eine Karikatur, von der er selbst ernsthaft glaubt, sie sei "beobachtend, nicht kommentierend und mit humorvoller Sachlichkeit".

Daran stimmt nur eines: auf einen gesprochenen Kommentar muss der gebührenzahlende Zuschauer ebenso verzichten wie auf Sachinformationen. Mit keinem Wort oder Bild wird die Regierungsarbeit in Bayern thematisiert, die politische Botschaft Stoibers kommen allenfalls als Hintergrundton zu Bildern vor, auf denen großnasige Waldschrate oder schwitzende JU-Kämpen als typische Stoiber-Klientel auftreten dürfen. Ab und zu steht eine lebensgroße Stoiber-Pappfigur herum, hineinkopiert in flirrende Straßenszenen. Die Botschaft ist klar: Statik gegen Leben.


Nun wäre die ARD nicht die ARD, gäbe es nicht auch noch ein Schröder-Porträt. Nach den gleichen Kriterien vergeben, von der selben Chefredakteursrunde abgesegnet, entstanden in "engem Kontakt" zwischen den Teams. Schröder wurde vom WDR beobachtet und, um es gleich zu sagen, von den Autoren Petra Nagel und Werner Sonne wirklich herzallerliebst umsorgt. Kein kritischer Ton stört das in edler Regierungsoptik gehaltene Porträt. Das einzige, was den Zuschauer irritieren mag, ist die altmodische Hornbrille von Hans-Jochen Vogel.

Schröder, das ist beim WDR ein Kanzler, der in den letzten vier Jahren so manches gemacht hat. Sich zum Beispiel bei der Altautoverordnung gegen Trittin durchgesetzt. Oder die Union im Bundesrat vorgeführt. Oder an der Elbe vorbeigeschaut. Keine Zeit fanden die Autoren für die Kanzlerthemen Arbeitslosigkeit oder Ministerschwund. Auch zu den Skandalen in Köln und Wuppertal kein Wort - obgleich Schröder doch gerade dazu am Sitz des WDR in Köln einen vielbeachteten Auftritt hatte.

Nichts trübt den staatsmännischen Eindruck, der "in guter Zusammenarbeit mit dem Bundeskanzleramt" (Sonne) entstehen durfte. Es dominiert die klassische ARD-Hauptstadt-Optik: Konferenztische, Limousinen, Hubschrauber, Flugzeuge, alles vom Kanzler fleißig zum Regieren genutzt. Behinderten Schülern organisiert er einen Opel, gemeinsam schmunzeln wir über die verunstaltete Nationalhymne auf dem Kabuler Flughafen. Wir wollen mit ihm zusammen in der Kleingartenkolonie die "Caprifischer" hören, und gespannt verfolgen wir die morgendliche Besprechung im Kanzleramt. Der Film zelebriert die Ästhetik der Macht. In Zeitlupe schreitet Schröder durch das Foyer. Packt an, regiert, packt zu, koordiniert, dass es dem Wähler eine Lust sein muss.

Unwillkürlich vergleicht man beide Filme. Dabei wird an der Art, wie die Gattinnen in beiden Filmen dargestellt werden, am ehesten deutlich, wie manipulativ Fernsehen wirken kann: im Stoiber-Film taucht Frau Stoiber allenfalls als grinsende, mikrofonhaltende Randfigur auf, die bestenfalls einen Enkel aus dem Kinderwagen wuchten kann. Bei Schröder ist die Kanzlerin Schröder-Köpf omnipräsent: sie erklärt, warum er so gut gekleidet ist. Sie schmust mit ihm, feiert, herzt und schäkert und darf mehrfach erläutern, warum ihr Gatte ein wirklich guter Kanzler ist.

Natürlich lässt der WDR auch andere zu Wort kommen. Ex-Kulturstaatsminister Michael Naumann etwa, wirklich ein kritischer Zeitgenosse. Oder Peter Struck. Oder Franz Müntefering, der besorgt den "Raubbau" des Nimmermüden an sich selbst wahrnimmt. Ab und zu dürfen Rainer Brüderle (FDP), Hans-Olaf Henkel (Ex-BDI) oder Andrea Nahles (Jusos) sagen, was sie an Schröder beobachten - aber ist Kritik aus diesen Mündern nicht auch ein Kompliment? Und falls auch das noch zu viel war: die Autoren haben es sicher nicht böse gemeint.

Denn am Ende wird immer alles ganz gut. Im Stoiber-Porträt wird der Pappkamerad zum Schluss des Films von Pferden zertrampelt. Und im letzten Bild des Schröder-Porträts legt ein Jugendlicher dem Kanzler den Arm über die Schulter. Öffentlich-rechtliche Liebe kann so schön sein.

DIE WELT

Eliska
02.09.2002, 23:26
Mich hat die offensichtliche und - wie ich finde - schamlose Unausgewogenheit dieses öffentlich-rechtlichen Senders schockiert. Schließlich bezieht er seine "Alimente" nicht nur von SPD-Wählern.

Eliska

paule2
02.09.2002, 23:44
Ts, ts, ts,

da ist die Hälfte der öffentlich rechtlichen, fast alle Privaten und die meisten Publikationen fest in rechter Hand und dann so was.


Kürzlich kam ein Stoiber-Portrait im linkssozialistischen Schweizer Fernsehen.

Da kam er noch schlechter weg. Irgendwie muss das am Kandidaten liegen.

Sein alter Ziehvater FJS war ja auch ein ganz spezielles Kaliber.


Was wäre eigentlich, wenn wir in Deutschland eine richtige Konkurrenz zur BILD-Zeitung hätten, die unverhohlen Wahlkampf macht?


:D

Eliska
02.09.2002, 23:57
Schon recht, german, jeder Artikel ist tendenziös, ja sogar schon die Auswahl von Artikeln, dessen bin ich mir bewusst. Wie könnte es anders sein?!

Es sollte nur ein gewisses Bemühen um Sachlichkeit und Gleichbehandlung erkenntlich sein. Als Privatmensch bin ich meinem Gewissen verantwortlich.
In meinem Beruf muss ich auf Ausgewogenheit achten, das ist meine Pflicht.


Paule2, die BILD-Zeitung ist keine öffentlich-rechtliche Anstalt. Sie bezieht ihr Geld von ihren Käufern und Inserenten. Ich finde, somit besteht da ein kleiner Unterschied. Wenn ich die Richtung der Zeitung nicht mag, kaufe ich sie nicht.
Meine Fernsehgebühren muss ich in jedem Fall zahlen, solange ich ein Gerät empfangsbereit herumstehen habe.

Über Mentalitätsunterschiede zwischen Bayern und dem Rest der Republik zu diskutieren würde niemandem etwas bringen. ;)

Eliska

paule2
03.09.2002, 00:43
@Eliska,

die Privaten Sender und Publikationen sind in privater, d.h. in Unternehmerhand.

Daß die traditionell auf der SPD-Seite sind, läßt sich wohl nicht gerade sagen.

Wenn nun ein CDU/CSU-nahes Blatt die Objektivität eines traditionell SPD-nahen Senders in Zweifel zieht, dann wundert mich das nicht.

Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, daß ausgerechnet die Welt bei einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks Objektivität anmahnen würde.

Und wer mal REPORT aus München gesehen hat, der weiß, wovon ich rede.


Im Fernsehen hatten wir schon immer Parteien-Proporz.

Seit wir die Privaten haben, hat sich viel in der Berichterstattung nach rechts verschoben.

Deswegen waren die Schwarzen ja damals auch die glühendsten Befürworter des Privatfernsehen. Soviel kostenlose Wahlkampfhilfe bekommt man ja sonst nirgends.

;)

Wenn das Ganze bei uns auch mal auf die Spitze getrieben wird, dann braucht man nur mal nach Italien schauen.

Da haben wir schon den Kaiser, König, Zar der alles unter seiner Fuchtel hat.

Das sind dann die extremen Auswirkungen der Medienmacht.

;)

Eliska
03.09.2002, 00:52
Hast schon in gewisser Hinsicht Recht, paule.
Ich träume halt von Bemühen um Ausgewogenheit bei wenigstens ARD und ZDF.

Die italienischen Verhältnisse müssen ein Alptraum sein.
90 % der Medien in der Hand des Zaren - laut dem letzten Artikel, den ich dazu gepostet habe, glaube ich.

Meine Fernsehgebühren zahl ich meistens eh für die Katz - finde das Internet meistens viel interessanter.

Eliska:)

LISA
03.09.2002, 11:51
Wie schön, dass meine Glotze zur Zeit kaputt ist :)

Mittlerweile habe ich mich an diesen TV-losen Zustand gewöhnt :rolleyes:
Ab und zu mal ein Blick in die FAZ oder ZEIT, ein Kinobesuch (ohne Werbeblöcke á la "JFK" :eek: ), ein bißchen Internet.... - was braucht man mehr ;)
Und dafür mehr Zeit für andere Dinge des Lebens :)

:cool:

carlo
03.09.2002, 13:41
LISA geht´s gut - sehr schön! :)

@ german
Wiglaf Droste kannst Du knicken, wie der Autor, so die Zeitung. Unausgegorenes nieder-
geschrieben und dafür auch noch Geld verlangen, Hauptsache, man war mal wieder gegen alles. Naja, alte linke Reflexe eben...

@ zum Thema
Nachdem sich zur letzten Bundestagswahl die Herren Becker, Westernhagen und Gottschalk in großen Anzeigen für Gerhard Schröder stark gemacht haben, greifen ab dieser Wahl die Medien selbst ein. Die FTD will zum Wahltag öffentlich für eine Partei Stellung nehmen, und die ARD läßt schon mal den "roten" SFB Schröder aufpolieren und Stoiber als Deppen karikieren. In der Tat dürfte der zur GEZ-Gebühr verpflichtete Zuschauer eine neutrale Betrachtung der beiden Kontrahenten für sein Geld verlangen.
Journalisten obliegen der Verpflichtung zur Neutralität und zur Wahrheit,
die beiden SFB-Redakteure interessierte das offenbar wenig. Noch weniger gingen sie auf den "schwachen" Gerhard Schröder ein. Ob er in 4 Jahren 8 Minister entlassen hat,
ob er sein Koalitionspartner nur noch durch das letzte Mittel, die Vertrauensfrage, an sich binden konnte, ob sich das Verhältnis zu Frankreich und USA drastisch abgekühlt hat, ob seine Minister weder die (unter Kohl im Bundesrat blockierte) Steuer- noch Renten- noch Gesundheitsreform erfolgreich gestalten konnten, und ob er seine auf den Wahlkärtchen fixierten Versprechen gehalten hat - alles egal?
Hauptsache Brioni tragen, Cohiba rauchen und Spaß haben?

@ paule2
Demokratie lebt vom Pluralismus.
Die öffentlich-rechtlichen Sender sind inzwischen genauso marktwirtschaftlich positioniert wie die Privaten. Für die meisten Zuschauer ist es wunderbar, auf RTL die Formel 1 live zu erleben, die Nachrichten des Tages schauen sie dann aber lieber um 20.00 Uhr im Ersten. Warum? Weil sie sehr wohl unterscheiden können zwischen Kommerz und Seriösität. Die Verblödungssendungen der Privaten haben mit partei-
politischen Interessen nichts zu tun, die privaten interessiert nur eines:
die Einschaltquote.
Im GEZ-Fernsehen jedoch werden die Mitglieder des Rundfunkrates sehr wohl durch die jeweils gerade regierenden Parteien bestimmt, und so kommt es dann, daß sich Sendeanstalten wie der SFB oder WDR mehr im linken Spektrum tummeln, während sich der BR seit Jahrzehnten mehr "in schwarzer Hand" befindet.
Schwierig wird´s mit der Beurteilung der Objektivität. Ideologen bekommen dann eben manchmal nicht das zu hören, was sie gerne hören möchten und suchen krampfhaft nach kausalen Zusammenhängen, warum sie das Gewünschte nicht hörten.
Liegt dann zufällig die redaktionelle Verantwortung in der Hand des politischen
Gegners, scheint die Sache "klar" zu sein, nach dem Motto: von denen konnte man ja nichts anderes erwarten, ein Glück, daß ich es besser weiß, mein Weltbild bekommt keine Kratzer.
Bedenklich erscheint mir jedoch, daß die öffentlich-rechtlichen in den letzter Jahren auf seriöse Berichterstattung mehr und mehr verzichten. Als Kohl dem Bestechlichkeitsvorwurf in der sogenannten "Leuna-Affäre" ausgesetzt war, brachte die ARD (!) Sondersendungen und trieb die Sau durch´s Dorf, ganz im Stil der Privaten.
Als Kohl vor einigen Monaten restlos rehabilitiert wurde, kein Wort der Entschuldigung.
-
Die Medien sind längst die 4. Macht im Staate, in jedweder Beziehung sollten wir alle,
nicht nur unter parteipolitischen Gesichtspunkten, Meinungen und Meldungen immer wieder kritisch hinterfragen.

EMMA
03.09.2002, 21:58
bin froh, wenn diese Pappnasen aus dem straßenbild verschwinden.....an jedem zweiten Lichtmast guckt einer der beiden enst-besonnen-zum durchgreifen bereit runter... :mad:
EMMA

carlo
05.09.2002, 00:13
@ german

nihilistische Parteienverdrossenheit...hm...dann wird´s ja richtig schwer für Dich am 22.?
Oder gründest Du aus philosophischer Not heraus doch noch die eigene Partei? ;)

carlo
06.09.2002, 10:35
Stimmt,
die Union müßte nochmal Gas geben, wenn sie am 22. sicher siegen möchte.
Die Wahlplakate gefallen mir auch nicht, viel zu lasch. Rot-Grün bietet ein wahres
Eldorado von Angriffspunkten, genutzt wird fast nichts. Stoiber kommt mir stark gebremst vor, wenn ich sein jetziges Auftreten mit den (guten) kämpferischen Reden aus Passau etc. vergleiche...die Macht der Politikberater scheint sie alle Kreide fressen zu lassen.
Zu einem SPD-Plakat, daß den Kanzler nächtens beim Arbeiten am Schreibtisch zeigt,
fällt mir ein ähnliches aus den 50ern ein:
Stalin sitzt in Denkerpose bei Nacht am Kreml-Schreibtisch, Bildunterschrift:
Stalin denkt über den Weltfrieden nach...

carlo
10.09.2002, 10:04
@ german,

wer ist eigentlich dieser Heise-Verlag? Hab noch nie etwas gehört von denen,
werden in Tageszeitungen nie zitiert. Wer steckt denn dahinter? Eine Truppe ehemaliger
SPIEGEL-Journalisten vielleicht, denen ihr Blatt zu lasch wurde? :D
Klär mich mal bitte auf.

carlo
10.09.2002, 14:31
Danke, german :)