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Vollständige Version anzeigen : Nachsinnen über den 11. Sept.: Die Saison der falschen Propheten


Eliska
08.09.2002, 08:49
Dritter Weltkrieg? Kunstwerk? Ende der Spassgesellschaft? Alles ganz anders? Nach dem 11. September hatten steile Thesen Hochkonjunktur. Ein Jahr später haben sich die meisten davon als unhaltbar herausgestellt

VON SVEN BOEDECKER

«Nichts wird mehr so sein, wie es war»
So reden Hysteriker. Vor nicht ganz zwölf Monaten bimmelten die Weltuntergangsglocken so laut und schrill wie selten. Auch wenn man die These, dieser Tag verändere radikal und unwiderruflich unser aller Leben, hundertfach lesen und hören konnte - sie wird dadurch nicht stimmiger. Das wäre auch kaum möglich. Dafür ist diese Generalaussage in ihrer Absolutheit zu vermessen.
Falsch!

«Das ist das Ende der Spassgesellschaft»
Das behauptete Peter Scholl-Latour wenige Tage nach dem Ereignis vor laufender Kamera. Aber wer hört schon auf einen 77-Jährigen, der gerne redet, ohne viel zu sagen. Die Spassgesellschaft jedenfalls nicht. Der Begriff wird verschwinden, das Phänomen bestimmt nicht, es unterliegt lediglich konjunkturellen Schwankungen. Nach dem 11. 9. pausierte die Spassgesellschaft kurzzeitig, dann war die «verlorene Normalität» schnell wiedergefunden. In Amerika kehrte der TV-Comedian David Letterman auf den Bildschirm zurück, die ersten Katastrophen-Witze machten die Runde («Bush ist ein schlechter Schachspieler - er hat gerade zwei Türme verloren»). Und hier arbeitete Stefan Raab schon bald wieder erfolgreich an der Tieferlegung des Niveaus. Auch die Street Parade fand statt, weil niemand eine neue Tristesse herbeisehnte. Sollte uns das beunruhigen? Kaum. Ohne Verdrängung können wir nicht, ohne Spass wollen wir nicht leben.
Falsch!

«Luxus ist out»
Der ehemalige Modemacher Wolfgang Joop haute nach dem 11. 9. mächtig auf den Putz. «Protz ist nicht mehr gewünscht», verkündete er. Das seien die Zeichen der Zeit, jetzt komme die Bescheidenheit. «Statt bei Gucci einzukaufen, wird man in Berlin vielleicht bald zu einer türkischen Schneiderin gehen, die aus altem Stoff - einer alten Gardine - etwas Neues herstellt.» Vielleicht aber auch nicht. Die Modewelt jedenfalls hat sich nicht daran gehalten. Und auch sonst niemand. Donatella Versace will uns einen lächerlichen Lederfummel für über 10 000 Franken andrehen, VW setzt auf den Luxuswagen Phaeton (146 000 Franken) und eine Fernseh-Freakshow wie «RTL Exclusiv» versucht uns immer noch die Schönen, Reichen und Blaublütigen aus Monte Carlo als Ideale unterzujubeln. Wenn es denn eines Beleges bedürfte, dass der Traum von Luxus und Reichtum nie eine Auszeit nahm, bitte schön: Am Tag der Anschläge blieben die Spielcasinos in Las Vegas geöffnet.
Falsch!

«Jetzt darf es keine Action-Filme mehr geben»
Der Regisseur Robert Altman forderte, Hollywood müsse die Darstellung von Gewalt und Zerstörung umgehend abstellen. Sein Kollege Wolfgang Petersen stimmte zu: «Sicher ist, Katastrophenfilme, die bereits geplant oder produziert worden sind, werden in der Schublade landen. Die Branche muss umdenken. Im Film wird in der nächsten Zeit kein Hochhaus mehr explodieren.» Zwar wurden Filmstarts verschoben, Werbematerialien eingestampft und Bilder des World Trade Center, wo nötig, aus den fertigen Produkten herausretuschiert. Ansonsten aber konnte man die vielen betroffenen Wortmeldungen gar nicht so schnell ins Altpapier werfen, wie die Schamfrist verstrich. «Collateral Damage» etwa landete nicht im Giftschrank, sondern im Februar 2002 in den Kinos. Darin sieht Arnold Schwarzenegger, wie seine Film-familie bei einem terroristischen Bombenanschlag in einem explodierenden Hochhaus stirbt. Heute sind terroristische Anschläge mit Nuklearwaffen als Filmstoff wieder schwer im Kommen - beispielsweise in «The Sum of All Fears» und «Bad Company».
Falsch!

«Mit der Skyline von New York kann man nicht mehr werben»
Die Werbebranche musste sich nach dem 11. 9. umorientieren. Vieles, was eben noch genial schien, war plötzlich peinlich. Oberpeinlich. Wie der aufwändig produzierte Spot der Telefonauskunft Telegate, in dem ein Passagierflugzeug durch ein Hochhaus bretterte. Eilig wurde er vom Markt genommen. Auch die Tabakkonzerne Philip Morris und British American Tobacco riefen ihre Werbung mit Motiven von New Yorker Hochhäusern zurück. Was früher Kraft, Dynamik und Erfolg ausstrahlte, war nun mit einem wenig konsumfördernden Image ausgestattet: Zerstörung und Trauer. Bis auf weiteres gilt also, was der Werber Jean-Rémy von Matt vor einem halben Jahr sagte: «Man muss warten.»
(Vorläufig) Richtig!

«Die Zerstörung des World Trade Center ist das Kunstwerk, das es je gegeben hat»
Karlheinz Stockhausen hat sich später von dieser Äusserung distanziert. Dennoch wurde der Komponist erst einmal aus dem Verkehr gezogen und durfte beim Hamburger Musikfest nicht auftreten. Doch seien wir ehrlich: Die atemberaubende Kulisse, der stahlblaue Himmel, die Boeing, die, wie an einer Schnur gezogen, ihr Ziel findet - das waren imposante Bilder. Nur unsere Moralvorstellungen halten uns davon ab, hierfür ästhetische Kategorien zu finden oder gar das Wort Schönheit zu benutzen. Und das ist auch richtig so. Die Inszenierung des Anschlags mag uns noch heute erschaudern lassen. Aber Kunst war das nicht. Das war die Wirklichkeit, und sie hat fast 3000 Menschen das Leben gekostet.
Falsch!

«Das World Trade Center wird wieder aufgebaut»
Cesar Pelli, Erbauer des an Ground Zero angrenzenden World Financial Center, missversteht Architektur als Muskelspiel: «Die einzige Möglichkeit, unsere Stärke zu demonstrieren, besteht darin, zwei Türme vergleichbarer Grösse zu bauen.» Die New Yorker scheinen das gelassener zu sehen. Der eingeschlagene Weg sieht ein Mahnmal, Büro- und Ladenflächen vor - ein Nachbau des World Trade Center kommt nicht in Frage, und die Gebäude-höhe wird deutlich geringer ausfallen. Nach sechs unbefriedigenden Hochhaus-Entwürfen, ist jetzt ein internationaler Architekten-Wettbewerb ausgeschrieben worden. Ein Bebauungsplan könnte 2003 vorliegen, die Fertigstellung des Komplexes vor 2010 ist unwahrscheinlich.
Falsch!

«Jetzt eskaliert der Kampf der Kultur»
Was immer auch eskalieren könnte, ein «Kampf der Kulturen» ist es nicht. Diese These des amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel P. Huntington taugt nicht als Beschreibung eines Konflikts, in dem eine Splittergruppe islamistischer Extremisten Amerika zum Feind erklärt hat. Es handelt sich eben nicht um einen Kampf zwischen islamischer und westlicher Kultur, Osama Bin Laden agiert nicht als Repräsentant der islamischen Welt. Auch stammten die Opfer in New York aus über 115 Ländern der Erde, unter ihnen waren auch mehrere Hundert Muslime. Der Politologe und Globalisierungskritiker Benjamin Barber urteilt über die These vom «clash of civilizations» denn auch: «Das ist Huntingtons private Gutenachtgeschichte.»
Falsch!

«Das ist der Beginn des Dritten Weltkiegs»
Die Befürchtung, die USA würden die arabische Welt mit einem gigantischen Vergeltungsschlag in Grund und Boden bomben und Russland und China gegen sich aufbringen, nährte diese Angst. Die Vermutung, dass Präsident George W. Bush Afghanistan vor dem 11. 9. wahrscheinlich weder hätte buchstabieren noch auf einer Weltkarte finden können, trug auch nicht gerade zur allgemeinen Beruhigung bei. Obwohl die US-Regierung von einer «Kriegserklärung» gegen Amerika sprach, obwohl weltweit die Krisenstäbe tagten und die Nato erstmals in ihrer Geschichte den Bündnisfall ausrief, blieb der Flächenbrand aus. Vorerst. Denn jetzt ist der Irak wieder ins Visier der Amerikaner geraten: als Produzent von biologischen und chemischen Vernichtungswaffen und als Key Player im internationalen Terrorismus. Sollte es zu einem Militärschlag kommen, wären die Folgen nicht abzusehen.
Falsch!

«Der 11.September hat auch sein Gutes»
Kann so etwas nur denken, wer ohne Empathie-Gen auf die Welt gekommen ist? Wie Saddam Hussein, der hat ge- jubelt und das tatsächlich gesagt. Und der damalige deutsche Verteidigungs-minister Rudolf Scharping, den die Anschläge (zeitweilig) vor dem Rausschmiss bewahrten, hat es möglicherweise gedacht. Aber sonst? Nüchtern betrachtet, ist diese Sicht jedoch weniger unglaublich, als es scheint. Die Schriftstellerin Irene Dische etwa beobachtete eine neue Solidarität: «Die New Yorker Kata- strophe hat die schönsten Eigenschaften der Bürger geweckt.» Wichtiger noch aber sind Menschenrechtsfragen. Die Taliban sind entmachtet und in Afghanistan dürfen sich insbesondere die Frauen freuen - auf eine Zukunft ohne Burka und Unterdrückung. Und möglicherweise besinnt sich die internationale Staatengemeinschaft nun auf eine weitsichtigere und nachhaltigere Politik.
Richtig!

«Alles wird so bleiben, wie es war»
So reden Zyniker. Und liefern ähnlichen Unfug wie die Vertreter von These Nummer eins.

Sonntagszeitung.CH

carlo
09.09.2002, 00:26
These Nummer 2 finde ich richtig, nicht falsch.

Fragen wir nicht nach einem Jahr, fragen wir in 10 Jahren nach. vielleicht wird uns nine-eleven doch als Wendepunkt einfallen, wenn jemand fragt, Mensch, wie ging das damals eigentlich los, was war der Auslöser, war doch alles so friedlich?
Die Welt wird ernster werden und trotzdem noch Spaß haben, denke ich...