Eliska
12.12.2002, 17:21
NUMISMATIK / Die Deutschen werden zu Euro-Jägern und -Sammlern
Autor: MATTHIAS SCHÄFER
Sibylle Lutze aus Chemnitz hat schon 39 zusammen. 39 von 120 verschiedenen Euro-Münzen, die zurzeit im Umlauf sind. Davon lassen sich allerdings nur 96 in den Portemonnaies der Europäer finden. Denn längst sind die Motive der Zwergstaaten San Marino, Monaco und des Vatikans zu begehrten Sammelobjekten geworden und dürften kaum in den normalen Zahlungsverkehr gelangt sein. Auf solch seltene Exemplare hat es Sibylle Lutze jedoch nicht abgesehen. Während einer Geschäftsreise ins Elsass ergatterte sie ihre ersten französischen Euros. „In einem Restaurant ließ ich mir extra von der Kellnerin alle acht Münzen als Wechselgeld herausgeben“, erzählt die Zahnärztin begeistert.
So wie bei Sibylle Lutze weckte die neue Währung bei vielen Deutschen den Sammeltrieb. „Es herrscht eine wahre Sammeleuphorie“, sagt Albert Raff, Präsident der Deutschen Numismatischen Gesellschaft. Kassiererinnen in Supermärkten fischen für ihre Freunde nach Geschäftsschluss ausländische Euro-Münzen aus den Kassen, manche schließen Wetten mit Arbeitskollegen ab, wer zuerst einen kompletten Satz zusammen hat, andere wiederum werden zu leidenschaftlichen Besuchern von Münz-Sammelbörsen. Die Vielfalt der einst geschmähten Währung verwandelt die Deutschen allmählich in ein Volk von Münzjägern und -sammlern. „Der Münzfachhandel wurde immens beflügelt. Manche Händler machen derzeit das Geschäft ihres Lebens“, stellt Albert Raff fest.
Und das ist kein Wunder. Schließlich werden auf Tauschbörsen und bei Internet-Auktionen für einige Münzen horrende Beträge gezahlt. Ein Satz Vatikan-Euros (Auflage: 65 000 Stück) ist beispielsweise zum Preis von mehr als 900 Euro zu haben. In Rom selbst werden die Geldstücke mit dem Bildnis des Papstes sogar zum stolzen Preis von 1600 Euro angeboten.
Für einen Münzsatz aus Monaco (Auflage: vier Millionen Stück) zahlen manche bis zu 850 Euro. Sammler, die sich für Münzen aus San Marino (Auflage: 120 000 Stück) interessieren, müssen dafür mindestens 300 Euro auf den Tisch legen. Alle drei Staaten dürfen jährlich etwa die gleiche Menge nachprägen (Vatikan: bis zu einem Nennwert von 670 000 Euro; Monaco: drei Millionen Euro; San Marino: 1,944 Millionen Euro). Wer eine ganz besondere Rarität ergattern möchte, bestellt sich das erste Euro-Set aus Großbritannien – streng limitiert, versteht sich. Nur 20 000 Exemplare wurden mit dem Konterfei der britischen Königin als Probedruck geprägt.
Doch es gibt noch andere Besonderheiten, die die Europawährung hervorgebracht hat. Zum Beispiel die verschiedenen Jahrgänge der Euro-Monarchien. Die Niederlande, Belgien und Spanien haben mit den Jahreszahlen der tatsächlichen Herstellungsjahre geprägt und nicht – wie beispielsweise Deutschland – nur mit dem Ausgabejahr 2002. Der Hintergrund: Keiner konnte bei der Produktion der Münzen in den Jahren 1999, 2000 und 2001 sicher wissen, ob der Herrscher zum Ausgabezeitpunkt noch lebt. Und auch Frankreich und Finnland haben jahrgangsgenau geprägt, weshalb es von diesen beiden Republiken auch Euro- und Cent-Münzen mit den Jahreszahlen 1999, 2000 und 2001 gibt.
Interessant ist auch Griechenland. Bekanntlich erfüllte das zwölfte Land der Eurozone erst im Nachhinein die Aufnahmekriterien und konnte daher erst sehr spät mit der Münzenproduktion beginnen. Dabei kam es zu Engpässen. Die staatlichen Münzstätten von Frankreich, Finnland und Spanien halfen aus, mit der Folge, dass es heute griechische Euro- und Cent-Münzen des ersten Jahrgangs 2002 gibt, auf denen sich in einem winzigen Münzzeichen in einem der Sterne das eigentliche Herkunftsland offenbart: E (España) steht für Spanien, F (France) für Frankreich und S (Suomi) für Finnland.
Spezialisten lassen sich das natürlich nicht entgehen. Doch Albert Raff befürchtet Schlimmes für manche Sammler. „Mit absoluter Sicherheit werden die Preise demnächst deutlich sinken.“ Es sei wie bei den Aktien: Wer den falschen Zeitpunkt zum Verkaufen verpasst, werde enorme Verluste machen. „Ich kann nur warnen, zum jetzigen Zeitpunkt Euro-Münzen zu überhöhten Preisen zu erwerben“, betont der Numismatiker. Mit den meisten ausländischen Euro-Münzen ließe sich kein Geld verdienen, wie manche meinen. Dafür seien die Auflagenzahlen in einigen Euroländern viel zu hoch.
Doch trotz aller Warnungen floriert das Geschäft mit dem Euro. Neben den Münzhändlern profitieren von dem Boom besonders Sammelalben-Verlage wie die Firma Leuchtturm im norddeutschen Geesthacht. Einen Rekordumsatz von 15,3 Millionen Euro verbuchte das Unternehmen zuletzt mit Briefmarken- und Euro-Sammelalben. Das sei das beste Ergebnis seit der Gründung des Betriebes im Jahre 1948, verkündet Geschäftsführer Axel Stürken stolz. Andere Unternehmen offerieren Sammelalben inklusive der Münzen aller zwölf Euroländer zum Preis von 149 Euro. Ein stolzer Preis, schließlich haben die Münzen für sich genommen lediglich einen nominalen Wert von 46,56 Euro. „Seien Sie von Anfang an dabei“, „Der komplette österreichische Münzsatz für nur fünf Euro“ oder „Garantierte Wertsteigerung“, so lauten die Slogans der Verlage und Münzhäuser in Zeitungsanzeigen oder im Fernsehen.
„Nicht alles glauben, was in den Hochglanzprospekten versprochen wird“, betont dagegen Albert Raff. Lieber hin und wieder aufmerksam in den Geldbeutel schauen und die interessanten Münzen herausfischen, dann machen Sammler auch keinen Verlust, so sein Rat. „Das Einzige, was der Münzhändler später beim Verkauf garantieren kann, ist der aufgeprägte Wert.“
Weitere Informationen unter
www.eurocoins.co.uk/britain.html
www.euro-collector.de
www.muenzwert.de
Rheinischer Merkur
Autor: MATTHIAS SCHÄFER
Sibylle Lutze aus Chemnitz hat schon 39 zusammen. 39 von 120 verschiedenen Euro-Münzen, die zurzeit im Umlauf sind. Davon lassen sich allerdings nur 96 in den Portemonnaies der Europäer finden. Denn längst sind die Motive der Zwergstaaten San Marino, Monaco und des Vatikans zu begehrten Sammelobjekten geworden und dürften kaum in den normalen Zahlungsverkehr gelangt sein. Auf solch seltene Exemplare hat es Sibylle Lutze jedoch nicht abgesehen. Während einer Geschäftsreise ins Elsass ergatterte sie ihre ersten französischen Euros. „In einem Restaurant ließ ich mir extra von der Kellnerin alle acht Münzen als Wechselgeld herausgeben“, erzählt die Zahnärztin begeistert.
So wie bei Sibylle Lutze weckte die neue Währung bei vielen Deutschen den Sammeltrieb. „Es herrscht eine wahre Sammeleuphorie“, sagt Albert Raff, Präsident der Deutschen Numismatischen Gesellschaft. Kassiererinnen in Supermärkten fischen für ihre Freunde nach Geschäftsschluss ausländische Euro-Münzen aus den Kassen, manche schließen Wetten mit Arbeitskollegen ab, wer zuerst einen kompletten Satz zusammen hat, andere wiederum werden zu leidenschaftlichen Besuchern von Münz-Sammelbörsen. Die Vielfalt der einst geschmähten Währung verwandelt die Deutschen allmählich in ein Volk von Münzjägern und -sammlern. „Der Münzfachhandel wurde immens beflügelt. Manche Händler machen derzeit das Geschäft ihres Lebens“, stellt Albert Raff fest.
Und das ist kein Wunder. Schließlich werden auf Tauschbörsen und bei Internet-Auktionen für einige Münzen horrende Beträge gezahlt. Ein Satz Vatikan-Euros (Auflage: 65 000 Stück) ist beispielsweise zum Preis von mehr als 900 Euro zu haben. In Rom selbst werden die Geldstücke mit dem Bildnis des Papstes sogar zum stolzen Preis von 1600 Euro angeboten.
Für einen Münzsatz aus Monaco (Auflage: vier Millionen Stück) zahlen manche bis zu 850 Euro. Sammler, die sich für Münzen aus San Marino (Auflage: 120 000 Stück) interessieren, müssen dafür mindestens 300 Euro auf den Tisch legen. Alle drei Staaten dürfen jährlich etwa die gleiche Menge nachprägen (Vatikan: bis zu einem Nennwert von 670 000 Euro; Monaco: drei Millionen Euro; San Marino: 1,944 Millionen Euro). Wer eine ganz besondere Rarität ergattern möchte, bestellt sich das erste Euro-Set aus Großbritannien – streng limitiert, versteht sich. Nur 20 000 Exemplare wurden mit dem Konterfei der britischen Königin als Probedruck geprägt.
Doch es gibt noch andere Besonderheiten, die die Europawährung hervorgebracht hat. Zum Beispiel die verschiedenen Jahrgänge der Euro-Monarchien. Die Niederlande, Belgien und Spanien haben mit den Jahreszahlen der tatsächlichen Herstellungsjahre geprägt und nicht – wie beispielsweise Deutschland – nur mit dem Ausgabejahr 2002. Der Hintergrund: Keiner konnte bei der Produktion der Münzen in den Jahren 1999, 2000 und 2001 sicher wissen, ob der Herrscher zum Ausgabezeitpunkt noch lebt. Und auch Frankreich und Finnland haben jahrgangsgenau geprägt, weshalb es von diesen beiden Republiken auch Euro- und Cent-Münzen mit den Jahreszahlen 1999, 2000 und 2001 gibt.
Interessant ist auch Griechenland. Bekanntlich erfüllte das zwölfte Land der Eurozone erst im Nachhinein die Aufnahmekriterien und konnte daher erst sehr spät mit der Münzenproduktion beginnen. Dabei kam es zu Engpässen. Die staatlichen Münzstätten von Frankreich, Finnland und Spanien halfen aus, mit der Folge, dass es heute griechische Euro- und Cent-Münzen des ersten Jahrgangs 2002 gibt, auf denen sich in einem winzigen Münzzeichen in einem der Sterne das eigentliche Herkunftsland offenbart: E (España) steht für Spanien, F (France) für Frankreich und S (Suomi) für Finnland.
Spezialisten lassen sich das natürlich nicht entgehen. Doch Albert Raff befürchtet Schlimmes für manche Sammler. „Mit absoluter Sicherheit werden die Preise demnächst deutlich sinken.“ Es sei wie bei den Aktien: Wer den falschen Zeitpunkt zum Verkaufen verpasst, werde enorme Verluste machen. „Ich kann nur warnen, zum jetzigen Zeitpunkt Euro-Münzen zu überhöhten Preisen zu erwerben“, betont der Numismatiker. Mit den meisten ausländischen Euro-Münzen ließe sich kein Geld verdienen, wie manche meinen. Dafür seien die Auflagenzahlen in einigen Euroländern viel zu hoch.
Doch trotz aller Warnungen floriert das Geschäft mit dem Euro. Neben den Münzhändlern profitieren von dem Boom besonders Sammelalben-Verlage wie die Firma Leuchtturm im norddeutschen Geesthacht. Einen Rekordumsatz von 15,3 Millionen Euro verbuchte das Unternehmen zuletzt mit Briefmarken- und Euro-Sammelalben. Das sei das beste Ergebnis seit der Gründung des Betriebes im Jahre 1948, verkündet Geschäftsführer Axel Stürken stolz. Andere Unternehmen offerieren Sammelalben inklusive der Münzen aller zwölf Euroländer zum Preis von 149 Euro. Ein stolzer Preis, schließlich haben die Münzen für sich genommen lediglich einen nominalen Wert von 46,56 Euro. „Seien Sie von Anfang an dabei“, „Der komplette österreichische Münzsatz für nur fünf Euro“ oder „Garantierte Wertsteigerung“, so lauten die Slogans der Verlage und Münzhäuser in Zeitungsanzeigen oder im Fernsehen.
„Nicht alles glauben, was in den Hochglanzprospekten versprochen wird“, betont dagegen Albert Raff. Lieber hin und wieder aufmerksam in den Geldbeutel schauen und die interessanten Münzen herausfischen, dann machen Sammler auch keinen Verlust, so sein Rat. „Das Einzige, was der Münzhändler später beim Verkauf garantieren kann, ist der aufgeprägte Wert.“
Weitere Informationen unter
www.eurocoins.co.uk/britain.html
www.euro-collector.de
www.muenzwert.de
Rheinischer Merkur