Eliska
17.03.2003, 18:41
Die Post bringt keinen Brief für dich
Von Küssfeld nach Krankenthal:
Im Frankfurter Museum für Kommunikation sind Herzensbotschaften ausgestellt
Liebe kommt, Liebe geht, Liebe spricht, Liebe läuft herum, Liebe sucht etwas und findet - wenn nicht nichts, so manchmal doch einen andern. Oder auch etwas ganz anderes, ein vermittelndes Drittes, ein Medium. Alles ist Unruhe, sprich: Kommunikation. Im Medienzeitalter wird die Liebe zur Schwerstarbeit und hat neben ungeheuren Papierbergen auch enorme Betriebskosten und Nutzungsgebühren im Gefolge des digital beschleunigten Flirtens und Chattens unter Abwesenden, die auch in weiter Ferne einander nah sein wollen
Also schreibt man und frau, kritzelt, tätowiert, telegrafiert, telefoniert, faxt, emailt und sendet zu Locken gedrehte oder zu Herzblättern geformte SMSe. In Frankfurt kann man jetzt in eine Ausstellung gehen, die alle Medien des universalen Liebesgeschnatters geschmackvoll vereinigt und unter dem einladenden Titel „liebe.komm“ genüsslich in Szene setzt. Kaum hat der Besucher den herzensroten, bonbonfarbenen Eingangsbereich durchschritten – der Wahrheit halber sei angemerkt, dass die Besucherinnen an Zahl überwiegen –, werden ihm wie unter einer Geräuschdusche von wechselnden Stimmen die zarten Worte zugeflüstert: „Würden Sie mit mir durch diese Ausstellung gehen?“ – Ja, liebes Gespenst, weil du ein solch honigsüßes Liebesgespenst bist, würde ich mit dir durch diese Ausstellung gehen, und mit allen deinen Schwestern auch.
Dann, bei der nächsten Station, heißt es Schnuppern an Duftgefäßen, denn die Liebe geht nicht nur wie Amors Pfeil ins Auge und wie Sirenenklänge ins Ohr, sondern auch durch die Nase. Nur Allergiker seien vor allzu viel Inhalation der starken Duftstoffe gewarnt.
Und weiter geht’s, über Küssfeld und Tändelspiel hinauf nach Burg Reizenstein beim Liebeswald, oder hinab durch die Orte Verlangenau, Triebstädtel und Taumelsfeld zum Werthershain, alles auf der bunten Landkarte, die der Leipziger Drucker Johann Gottlieb Immanuel Breitkopf im Jahre 1777 vom Reich der Liebe angefertigt hat. Außer nach Ehestandshausen und Zänkershall nahe der Verdrüßlichen Heide kann man sich nach einem kleinen Seitensprung gen Schwachheim wahlweise nach Scheidung oder auch in die jenseits des reißenden Tränenflusses gelegenen Kurorte Krankenthal und Lazareth verabschieden. Für die Kommunikation zwischen den verstreuten und entlegenen Flecken sorgt ohnehin die Post, die neben der Telekom auch das ausstellende Museum trägt: Bis zur 1989 eingeleiteten Postreform, die die deutsche Wiedervereinigung – es war keine Liebesheirat – begleitete, hieß es Bundespostmuseum.
Danach aber wurde eingelöst, was schon im modernen Sattelzeitjahr 1800 als Drohung in Jean Pauls „Titan“ stand: „Die Post bringt keinen Brief für dich.“ Denn seitdem die Post mit der Vernachlässigung des Briefverkehrs das anmutigste und sentimentalste Liebesmedium zugunsten anderer, ungleich kälterer und für Störungen anfälligerer Kommunikationsformen abbaut – zu Werthers Zeiten kam die Briefpost noch bis zu sieben Mal am Tag –, geht es womöglich auch mit der wahren, der romantischen Liebe bergab.
Mit einer reichen Auswahl von Liebesbriefen und Billets – aus den Schlitzen alter gusseiserner Briefkästen kann man dazu den Gespensterstimmen berühmter Liebesbrief-Schreiberinnen und Schreiber lauschen – sind die vormals heimlichen Botschaften der Liebe jetzt museumsreif geworden.
In der Ausstellung sind sie noch einmal zu besichtigen, zu begehen und am Ende des Parcours auf plüschigen Matratzen sogar zu beliegen: Am Himmel dieses extrabreiten Bettes kann man auf einem Monitor einer Endlosschleife berühmter Liebesszenen aus der Filmgeschichte folgen, von „Außer Atem“ bis „Lola rennt“. Fragt sich, wohin?
Man kommt, man geht, man spricht, man sucht etwas und findet nichts, wenn alle Liebe Kommunikation ist. Anders als im Vestibül angemahnt, legt auch niemand die von der Museumsverwaltung für den Rundgang gestifteten, rosaroten Brillen am Ausgang wieder in den dafür vorgesehenen Korb zurück. Wie schrieb doch der Teenager Billy Clinton um das Jahr 1961 seiner Herzallerliebsten ins Poesiealbum: „Dear Debbie, You will always be my best girl!“ Ewig, Dein
VOLKER BREIDECKER
Bis 31. August. Der Katalog kostet im Museum 19,80 Euro , im Buchhandel 34,80 Euro.
SZ
Von Küssfeld nach Krankenthal:
Im Frankfurter Museum für Kommunikation sind Herzensbotschaften ausgestellt
Liebe kommt, Liebe geht, Liebe spricht, Liebe läuft herum, Liebe sucht etwas und findet - wenn nicht nichts, so manchmal doch einen andern. Oder auch etwas ganz anderes, ein vermittelndes Drittes, ein Medium. Alles ist Unruhe, sprich: Kommunikation. Im Medienzeitalter wird die Liebe zur Schwerstarbeit und hat neben ungeheuren Papierbergen auch enorme Betriebskosten und Nutzungsgebühren im Gefolge des digital beschleunigten Flirtens und Chattens unter Abwesenden, die auch in weiter Ferne einander nah sein wollen
Also schreibt man und frau, kritzelt, tätowiert, telegrafiert, telefoniert, faxt, emailt und sendet zu Locken gedrehte oder zu Herzblättern geformte SMSe. In Frankfurt kann man jetzt in eine Ausstellung gehen, die alle Medien des universalen Liebesgeschnatters geschmackvoll vereinigt und unter dem einladenden Titel „liebe.komm“ genüsslich in Szene setzt. Kaum hat der Besucher den herzensroten, bonbonfarbenen Eingangsbereich durchschritten – der Wahrheit halber sei angemerkt, dass die Besucherinnen an Zahl überwiegen –, werden ihm wie unter einer Geräuschdusche von wechselnden Stimmen die zarten Worte zugeflüstert: „Würden Sie mit mir durch diese Ausstellung gehen?“ – Ja, liebes Gespenst, weil du ein solch honigsüßes Liebesgespenst bist, würde ich mit dir durch diese Ausstellung gehen, und mit allen deinen Schwestern auch.
Dann, bei der nächsten Station, heißt es Schnuppern an Duftgefäßen, denn die Liebe geht nicht nur wie Amors Pfeil ins Auge und wie Sirenenklänge ins Ohr, sondern auch durch die Nase. Nur Allergiker seien vor allzu viel Inhalation der starken Duftstoffe gewarnt.
Und weiter geht’s, über Küssfeld und Tändelspiel hinauf nach Burg Reizenstein beim Liebeswald, oder hinab durch die Orte Verlangenau, Triebstädtel und Taumelsfeld zum Werthershain, alles auf der bunten Landkarte, die der Leipziger Drucker Johann Gottlieb Immanuel Breitkopf im Jahre 1777 vom Reich der Liebe angefertigt hat. Außer nach Ehestandshausen und Zänkershall nahe der Verdrüßlichen Heide kann man sich nach einem kleinen Seitensprung gen Schwachheim wahlweise nach Scheidung oder auch in die jenseits des reißenden Tränenflusses gelegenen Kurorte Krankenthal und Lazareth verabschieden. Für die Kommunikation zwischen den verstreuten und entlegenen Flecken sorgt ohnehin die Post, die neben der Telekom auch das ausstellende Museum trägt: Bis zur 1989 eingeleiteten Postreform, die die deutsche Wiedervereinigung – es war keine Liebesheirat – begleitete, hieß es Bundespostmuseum.
Danach aber wurde eingelöst, was schon im modernen Sattelzeitjahr 1800 als Drohung in Jean Pauls „Titan“ stand: „Die Post bringt keinen Brief für dich.“ Denn seitdem die Post mit der Vernachlässigung des Briefverkehrs das anmutigste und sentimentalste Liebesmedium zugunsten anderer, ungleich kälterer und für Störungen anfälligerer Kommunikationsformen abbaut – zu Werthers Zeiten kam die Briefpost noch bis zu sieben Mal am Tag –, geht es womöglich auch mit der wahren, der romantischen Liebe bergab.
Mit einer reichen Auswahl von Liebesbriefen und Billets – aus den Schlitzen alter gusseiserner Briefkästen kann man dazu den Gespensterstimmen berühmter Liebesbrief-Schreiberinnen und Schreiber lauschen – sind die vormals heimlichen Botschaften der Liebe jetzt museumsreif geworden.
In der Ausstellung sind sie noch einmal zu besichtigen, zu begehen und am Ende des Parcours auf plüschigen Matratzen sogar zu beliegen: Am Himmel dieses extrabreiten Bettes kann man auf einem Monitor einer Endlosschleife berühmter Liebesszenen aus der Filmgeschichte folgen, von „Außer Atem“ bis „Lola rennt“. Fragt sich, wohin?
Man kommt, man geht, man spricht, man sucht etwas und findet nichts, wenn alle Liebe Kommunikation ist. Anders als im Vestibül angemahnt, legt auch niemand die von der Museumsverwaltung für den Rundgang gestifteten, rosaroten Brillen am Ausgang wieder in den dafür vorgesehenen Korb zurück. Wie schrieb doch der Teenager Billy Clinton um das Jahr 1961 seiner Herzallerliebsten ins Poesiealbum: „Dear Debbie, You will always be my best girl!“ Ewig, Dein
VOLKER BREIDECKER
Bis 31. August. Der Katalog kostet im Museum 19,80 Euro , im Buchhandel 34,80 Euro.
SZ