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Alt 25.10.2002, 19:40   #1
Eliska
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Face2 Geiselnehmer stellen neues Ultimatum

Erschiessung von Geiseln ab Samstag angedroht

Die tschetschenischen Geiselnehmer in Moskau haben mittlerweile 15 Personen freigelassen, darunter acht Kinder. Die Verhandlungen über die Freilassung der ausländischen Geiseln aus dem Moskauer Theater waren zuvor abgebrochen worden. Unterdessen droht das Kommando mit der Erschiessung von Geiseln ab Samstag. Am Nachmittag erlaubten die Geiselnehmer die Versorgung mit Wasser und Lebensmittel.


(sda/dpa/ap) Die tschetschenischen Geiselnehmer in Moskau haben der russischen Staatsführung am Freitag ein neues Ultimatum gestellt: Sollten die Forderungen nicht unverzüglich erfüllt werden, würden am Samstagmorgen die ersten Geiseln erschossen. Das sagte die Angehörige einer Geisel der Nachrichtenagentur dpa nach einem Telefonat mit ihrem in der Konzerthalle festgehaltenen Vater.

Die Besetzer des Moskauer Musical-Theaters haben mittlerweile 15 Geiseln freigelassen, darunter 8 Kinder. Die vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB in Aussicht gestellte Freilassung der 75 Ausländer unter den rund 700 Geiseln kam jedoch zunächst nicht zustande. Am Freitagnachmittag stimmten die Geiselnehmer der Versorgung der Geiseln mit Wasser und Lebensmitteln zugestimmt. Das teilte der stellvertretende Innenminister Wladimir Wasiljew mit. Der Arzt Leonid Roschal, der die Geiseln untersucht hatte, sowie eine Journalistin hätten dies mit den Rebellen in einem fast dreistündigen Gespräch ausgehandelt. Bisher hatten die Geiseln, die sich seit Mittwochabend in der Gewalt der Tschetschenen befinden, lediglich Schokolade und Wasser aus den Beständen des Buffets des Theaters erhalten.

Die etwa 50 Geiselnehmer liessen am Freitagmorgen 7 Russen frei. Später durften auch acht Kinder das Gebäude verlassen, begleitet von Vertretern des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Unter den freigelassenen Kindern befindet sich auch ein Mädchen, das in der Schweiz wohnt. Dies bestätigte die Schweizer Botschaft in Moskau. Über die Staatsbürgerschaft gab es keine Angaben. Das 10-jährige Mädchen wurde von einem Mitarbeiter der Schweizer Botschaft in Empfang genommen. Es wird nun mit den anderen Kindern in einem Krisenzentrum betreut.


Ausländer kommen vorerst nicht frei

Verhandlungen zur Freilassung der Ausländer seien am Morgen plötzlich abgebrochen worden, teilte der amerikanische Generalkonsul in Moskau, James Warlick, ohne Angaben von Gründen mit. Die Geiselnehmer hatten sich zuvor nach Angaben des russischen Inlandsgeheimdienstes grundsätzlich bereit erklärt, alle festgehaltenen Ausländer freizulassen. Die beiden russischen Parlamentsabgeordneten Irina Chakameda und Josif Kobson hatten nach Gesprächen mit den Geiselnehmern am Donnerstag erklärt, sie wollten alle Gefangenen aus Ländern freilassen, die «mit Tschetschenien nicht im Krieg» sind.


TV-Bilder von den Kidnappern

Der russische Fernsehsender NTW, dem es erlaubt wurde, ein Team in das Gebäude zu schicken, zeigte am Freitag erste Bilder von den Geiselnehmern. Unter ihnen war auch der mutmassliche Anführer, Mowsar Barajew. Neben ihm waren zwei maskierte Männer und zwei in schwarz gekleidete Frauen zu sehen. Die Männer trugen Militäranzüge in Tarnfarbe. Die Frauen hatten das Gesicht mit einem Kopftuch mit arabischer Schrift verdeckt. Eine Frau trug eine Pistole und hielt scheinbar einen Zünder für einen am Körper befestigten Sprengsatz in der Hand. Das TV-Team wurde von einem Arzt begleitet, der zwei Taschen mit Medikamenten ins Theater trug.


Junge Frau erschossen

In der Umgebung des Theaters wurden Truppen des Innenministeriums und Scharfschützen in Stellung gebracht. Die tschetschenischen Besetzer hatten am Donnerstag eine junge Frau erschossen. Später gelang es zwei anderen Frauen, den Kidnappern zu entkommen.

NZZ
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Alt 25.10.2002, 19:44   #2
Eliska
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Posting Hintergrund - Historische Wurzeln des Konflikts

Hamburg - Der Konflikt um die mehrheitlich von Moslems bewohnten Teilrepublik Tschetschenien hat seine Wurzeln in einer wechselvollen und von Gewalt geprägten Geschichte. Die Russen sprechen von einem Kampf gegen den Terrorismus, die tschetschenischen Rebellen vom Kampf für ihre Unabhängigkeit, Freiheit und einen islamischen Gottesstaat.

Seit den Zeiten Iwans des Schrecklichen (1547-84) haben die russischen Zaren versucht, das Siedlungsgebiet der Tschetschenen im Kaukasus unter ihre Kontrolle zu bringen und so das Reich nach Süden hin abzusichern. Zunächst ohne Erfolg. Erst 1859 konnten sie im so genannten ersten Kaukasuskrieg den Widerstand der von Imam Schamil geführten Tschetschenen brechen. Der später in den Wirren der russischen Revolution gewonnenen Selbstständigkeit machte die kommunistische Sowjetunion 1920 ein Ende. Unter dem sowjetischen Diktator Josef Stalin (1922-53) litten die Tschetschenen mehr als andere Kaukasusvölker. Während des Zweiten Weltkriegs ordnete Stalin wegen ihrer angeblichen Kollaboration mit den Deutschen die Massen- Deportation von Tschetschenen nach Zentralasien an. Erst in den 1950ern wurde ihnen die Rückkehr in ihre Heimat erlaubt.

Wegen der Kriegswirren im 19. Jahrhundert verließen viele Tschetschenen ihr Land. Heute gibt es im Ausland größere Gruppen u.a. in Dagestan, Inguschetien, der Türkei und Kasachstan. Bis heute hat das unbeugsame Bergvolk von jetzt schätzungsweise etwa einer Million Menschen an seiner kulturellen Eigenständigkeit und seinen kriegerischen Traditionen festgehalten. Das seit Jahrhunderten wichtigste Bindeglied im Zusammenleben sind nicht staatliche Institutionen, sondern die Familienclans. Von den "ungläubigen" Besatzern unterscheidet die Tschetschenen auch ihr strikter moslemischer Glaube, den sie im 16. Jahrhundert unter der Herrschaft der Türken angenommen haben.

Die einseitige Unabhängigkeitserklärung Tschetscheniens nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 hatte zwei Kriege zur Folge. Der erste endete 1996 nach fast zwei Jahren mit dem sieglosen Rückzug der russischen Armee und einem Friedensabkommen, das Autonomie und Verhandlungen über eine Unabhängigkeit in Aussicht stellte. Nach schweren Bombenanschlägen in Russland marschierten russische Truppen 1999 erneut in Tschetschenien ein, verwüsteten die Hauptstadt Grosny und brachten weite Teile des Landes zumindest tagsüber unter ihre Kontrolle. Der Partisanen-Krieg eskalierte und hat bis heute mehrere zehntausend Menschen das Leben gekostet. Ein Ende ist nicht in Sicht.

dpa
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Alt 25.10.2002, 19:47   #3
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Posting Angriff auf das Herz Russlands

Tschetschenische Rebellen haben wiederholt mit Geiselnahmen Aufmerksamkeit auf sich gelenkt

Von Miriam Neubert

...

http://www.sueddeutsche.de/index.ph...datei=index.php
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Alt 25.10.2002, 19:52   #4
Eliska
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Face2 Leben in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny

Leben in Ruinen, nächtlicher Angst und ständiger Demütigung

Augenschein in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny

Gut drei Jahre nach dem Beginn des zweiten Tschetschenien-Feldzugs ist es in der Hauptstadt Grosny bei einem Augenschein weniger die ausgedehnte Zerstörung, welche beklemmende Gefühle auslöst, als vielmehr der Umstand, dass hier überhaupt Menschen leben. Nach dem Willen Moskaus sollen es ständig mehr werden.


Von unserem Russland-Korrespondenten Peter Winkler

win. Grosny, im Oktober

Ein trüber Himmel streckt sich über die Ebene, durch welche dieHauptstrassevonInguschetien in die tschetschenische Hauptstadt Grosny führt. Häufig reicht dichtes Buschwerk auf beiden Seiten nahe an die Strasse heran, auf der sich inunregelmässigen Abständen gepanzerte Fahrzeuge der russischen Armee und Strassensperren aller möglichen Sicherheitskräfte abwechseln. An gewissen Stellen ist sichtbar, dass vor einiger Zeit ein Streifen beidseits der Strasse kahl geschlagen wurde. Doch Sträucher und Bäume schossen seither wieder zwei, drei Meter hoch auf: ein ideales Terrain für Hinterhalte und Minenfallen.


Kein Aufbau in Sicht

Seit drei Jahren führt die russische Staatsgewalt in Tschetschenien ihren zweiten Krieg, gegen Separatisten, Banditen, islamistische Fanatiker - und gegen die Zivilbevölkerung, welche wie meistens zwischen die Fronten gerät. Es erstaunt, mit welcher Selbstsicherheit die Panzerbesatzungen entlang dieser Strasse ihre Kanonenrohre gegen die nicht einmal fünf Meter entfernten Bäume richten. Oder ist es ganz einfach Fahrlässigkeit? Bei der Anfahrt auf Grosny werden die Türme und Türmchen der Bohrstellen sichtbar, in denen das erstklassige tschetschenische Erdöl meist illegal gefördert wird. Regelmässig und leidlich bezahlte Arbeit finden Tschetschenen bei den Sicherheitskräften, im Geheimdienst oder in halb und ganz illegalen Geschäften wie in der Förderung und der Raffinerie des Öls. Die ersten beiden Beschäftigungen sind überaus gefährlich, denn die Rebellen machen gezielt Jagd auf solche Kollaborateure. Das lukrative Ölgeschäft, das offensichtlich mit aktiver Unterstützung der russischen Sicherheitskräfte blüht, ist tückisch, da man leicht zwischen rivalisierende Banden gerät, und es wird ein ökologisches Desaster zurücklassen, das irgendwann gewaltige Aufräumarbeiten erfordern wird.

Man werde für sie sorgen, wurde den Bewohnern Grosnys versprochen, immer und immer wieder. Milliardenbeträge werden in Moskau offiziell für den Wiederaufbau und die Unterstützung der leidgeprüften Zivilbevölkerung bereitgestellt, doch sichtbar sind fast nur kosmetische Retuschen am Stadtbild. Eine ältere Frau, die bei einer Lebensmittelverteilung des Danish Refugee Council (DRC), einer der wichtigsten humanitären Organisationen in Tschetschenien, im Stadtteil Staropromislowski ansteht, klagt darüber, dass sie sogar in diesem relativ heil gebliebenen Quartier jeden Tag für 15 Rubel Wasser kaufen muss. Die Stromversorgung funktioniert ebenfalls nicht, und die Gasversorgung bricht fast täglich zusammen.

Nicht weit davon, im gleichen Stadtteil, steht ein zehnstöckiger Wohnblock. Er sieht von aussen völlig unversehrt aus. Es handelt sich um eines der temporären Unterkunftszentren, von denen Moskau noch mehrere andere herrichten will, um die nach Inguschetien, Dagestan oder Südrussland geflohenen Tschetschenen nach Hause zu locken. Von hier sollen sie später in reguläre Wohnungen und Häuser umziehen. Wann, weiss vorläufig niemand.


Wie lange ist temporär?

In diesem mächtigen Block leben gut 800 Personen, in Zimmern zu 3 bis 5 Bewohnern. Fliessendes Wasser gibt es allerdings auch hier keines. Die Bewohner müssen das kostbare Gut aus einem Tank vor dem Haus in Eimer füllen und diese zu Fuss in ihre Zimmer tragen. In den Gemeinschaftsküchen auf jeder Etage stehen zwar Spülsteine, doch ragen ihre Ablaufrohre ins Leere, und die Toiletten im Haus sind nicht benutzbar, weil es kein Abwassersystem gibt. Wer mal muss, muss hinunter in den Hof gehen, wo einige Latrinen gebaut wurden. Nachts ist das aber nicht möglich, es herrscht Ausgangssperre, und sowieso nimmt die Gefahr für Leib und Leben nach Einbruch der Dunkelheit sprunghaft zu. «Heisst das», fragt ein Besucher, «dass die russischen Soldaten dann auf alles schiessen können, was sich bewegt?» - «Dazu brauchen sie nicht die Nacht abzuwarten», kommt die lakonische Antwort zurück.

Die temporären Unterkünfte sind zum Gegenstand hitziger Polemiken geworden, denn sie sind das sichtbarste Symbol der Politik Moskaus, den Tschetschenien-Konflikt als etwas darzustellen, das im Grunde gelöst ist. Besonders störend für diese Politik sind die Flüchtlingspopulationen in den Nachbarrepubliken, die zeigen, dass der Krieg nicht zu Ende ist. Deshalb werden die Flüchtlinge mit mehr oder weniger sanftem Druck und grosszügigen Versprechungen dazu ermuntert, nach Tschetschenien zurückzukehren - in ihre Häuser im besseren, in die temporären Unterkünfte im schlechteren Fall. Die Regierung will noch in diesem Jahr Unterkünfte für über 10 000 Menschen bereitstellen, was als zu unrealistisches Ziel erscheint. Das besichtigte Zentrum soll zudem im Vergleich zu anderen geradezu hervorragend ausgerüstet sein.

Als sich die Besucher verabschieden, bricht sich dennoch das Bedürfnis der Bewohner Bahn, über das schwierige Leben in Grosny zu reden. «Sagen Sie den Flüchtlingen in Inguschetien, dass sie noch dort bleiben sollen», erklärt ein Mann. «Hier gibt es keine Sicherheit. Das Leben in Zelten war zwar hart, aber dafür fühlten wir uns sicher.» «Das grösste Problem ist, dass uns keine der versprochenen Entschädigungen gezahlt werden, nicht für unser zerstörtes Hab und Gut, nicht für unser Leiden, nicht für die verlorene Zukunft», ruft eine Frau über die Köpfe der Umstehenden. Eine andere Frau doppelt nach: «Viele von uns haben körperliche Leiden. Es gibt zwar Spitäler, aber da ist nichts gratis. Woher sollen wir das Geld für die medizinische Versorgung nehmen?»


Im Spital Nummer 9

Für die auf 300 000 bis 400 000 Personen geschätzte Bevölkerung Grosnys hat das Spital Nummer 9 eine besondere Bedeutung. Es hat als einzige der insgesamt 15 Kliniken eine Notfallabteilung, die Tag und Nacht offen ist. Die Stationsschwester, die 53-jährige Asa Machtijewa, ist trotz dem blonden Haar und den hellblauen Augen eine waschechte Tschetschenin. Die meisten der Patienten auf ihrer Abteilung haben Schusswunden erlitten oder sind von Minenexplosionen verletzt worden. Zurzeit liegen 16 Patienten mit solchen Verwundungen auf ihrer Abteilung. «Die grosse Mehrheit der Patienten wollen nur erste Hilfe, dann verschwinden sie wieder», erklärt die Schwester. «Wer stationär behandelt wird, muss sich offiziell registrieren lassen. Das wollen oder können viele nicht, weil sie dann in Verdacht geraten, Terroristen zu sein. Und wer Geld hat, bringt seine Angehörigen in Spitäler ausserhalb des Kriegsgebiets.»

Machtijewa unterstreicht zwar, dass die Pflege im Spital im Prinzip gratis sei. Doch sie gibt zu, dass es beim Material immer wieder zu Engpässen kommt. Vor zwei Tagen habe sie von einer Hilfsorganisation für ihre Abteilung mit 33 Patienten 400 Spritzen erhalten, erklärt die Schwester: «Innert 24 Stunden hatten wir schon 230 verbraucht.» Dennoch sei die Situation besser als noch vor einem Jahr, denn damals hätten die Angehörigen von Patienten gleich von vornherein alles Material selber mitbringen müssen.


Respekt vor sich selber

Was hat die Frau dazu bewogen, in Grosny zu bleiben, statt wie so viele andere zu fliehen? Machtijewa erzählt, wie sie bei den Bombardierungen zu Beginn des Kriegs von anderen Schwestern und Ärzten hörte, die Fluchtpläne schmiedeten. Sie habe herausfinden wollen, was vor sich gehe. Eine alte Frau, die in einem Korridor auf einem Notbett lag, habe sie am Ärmel angehalten und gesagt: «Ich glaube nicht, dass Sie uns verlassen können.» Da sei ihr klar geworden, dass sie bleiben müsse: «Es ging um den Respekt vor mir selber.» Nach einem kurzen Zögern verrät Asa Machtijewa auch den zweiten Grund für ihr Zurückbleiben im Kriegsgebiet: «Meine ganze Familie war unter Stalin nach Kasachstan deportiert worden, und alle träumten immer davon, eines Tages in die Heimat zurückzukehren. Ich bin die Einzige, welche die Heimkehr erlebte. Ich muss hier leben, ich bin es meiner Familie schuldig.»

In einem besonders stark zerstörten Quartier, nahe am Zentrum, stehen die Überreste von 8-, 10-, 12-stöckigen Wohnblocks. Ein tschetschenischer Fahrer der Gruppe erinnert sich, dass Schulfreunde von ihm hier lebten. Der eine Wohnblock war so mächtig und lang, dass sie ihn «die chinesische Mauer» nannten. Nun hängt gerade noch im zweiten Stock ganz rechts eine rote Decke über das Geländer des Balkons. Zwei Etagen darüber und nochmals zehn Fenster weiter links spannen sich dünne Plastic-Fahnen über die schwarzen Löcher, die einst Fenster waren: Hinweise darauf, dass hier noch Menschen leben, dass sie ausharren, obwohl es weder Strom noch Wasser noch Gas gibt.

Spätestens beim Eindunkeln müssen sie sich in ihre Löcher zurückziehen, weil das Quartier dann den Bewaffneten gehört: den Militärs, den Polizei-Sondereinheiten, den Geheimdiensten, den Rebellen, den gewöhnlichen Banditen und Räubern. Und alles, was sie vor jenen schützen kann, ist eine dünne Plastic-Haut am Fensterloch - und der totale Verzicht auf ein Licht in der Dunkelheit, weil eine Kerze oder eine Petrollampe Aufmerksamkeit erregen könnte.


«Hier leben Menschen»

Der von Polizei eskortierte Konvoi der Besucher wird durch die unzähligen, massiv befestigten Strassensperren fast ausnahmslos durchgewinkt. Es sind neuralgische Punkte, die von Rebellen gerne attackiert werden, zumeist mit Landminen. Gewöhnliche Fahrzeuglenker müssen hier anhalten, auffallend oft sind Männer zu sehen, die mit Ausweispapieren in der Hand gestikulierend auf die schwer bewaffneten Polizisten und Soldaten einreden. «Ich könnte das ja verstehen, wenn es wirklich um Sicherheit ginge», sagt der Übersetzer aus Grosny. «Aber es geht meist nur um Geld. Die Kontrollpunkte werden in ‹Zehner› und ‹Fünfziger› eingeteilt, je nachdem, wie viele Rubel die Kontrollierenden pro Passagier verlangen.» Wer kein Geld hat, kann sich plötzlich in grosser Gefahr wiederfinden. Es gibt zahllose Berichte von willkürlichen Verhaftungen an solchen Sperren. Familienangehörige müssen die Verhafteten daraufhin freikaufen.

Im Quartier Posjolok Kalinina verteilt die dänische Flüchtlingshilfe Baumaterialien an jene, die ihre teilweise zerstörten Häuser wiederaufbauen wollen. Eine Garantie, dass diese nicht erneut zerstört würden, gibt es nicht, davon zeugt die Moschee des Quartiers. Beschädigungen am Minarett im ersten Krieg wurden mit bescheidenen Mitteln ausgebessert, bevor eine Panzergranate im zweiten Krieg wieder ein riesiges Loch in den Turm riss. Die zwiebelförmige Kuppel, welche das Minarett gekrönt hatte, liegt zerbeult am Strassenrand. «Hier leben Menschen» steht am Zaun eines Nachbarhauses, das mit Hilfe der dänischen Organisation wiederaufgebaut wird, mit groben Pinselstrichen hingemalt - einerseits Warnung an die Adresse von Plünderern, welche verlassene Häuser systematisch und vollständig demontieren, anderseits Bitte an die Sicherheitskräfte, das Feuer hier nicht wahllos zu eröffnen.


Strandgut der Geschichte

Zwei Frauen kommen auf die Besuchergruppe zu, die vor einem Marktstand mit Früchten, Gemüsen und einigen Grundnahrungsmitteln mit den Nutzniessern des Baumaterial-Programms über den Wiederaufbau der Häuser diskutiert. «Das ist meine Freundin», sagt die eine keck und deutet auf die zweite Frau, die - in einen groben Arbeitskittel, zerrissene Trainerhosen und die allgegenwärtigen Schlappen «Made in China» gekleidet - aus grossen schwarzen Augen scheu um sich blickt. «Sie ist Russin», ergänzt die erste Frau. Von den Zehntausenden Russen, die vor den Kriegen in Tschetschenien lebten, sind die meisten der Überlebenden geflohen. Warum ist sie geblieben? «Weil ich nichts habe, wo ich hingehen könnte.» Schon nach den ersten Fragen beginnt die Frau still zu weinen, wischt sich immer wieder hastig die Tränen aus dem Gesicht, nimmt dankbar die Hand, die ihr die tschetschenische Freundin um den Arm legt.

Ihre Familie habe in dritter Generation in Grosny gelebt, berichtet sie stockend. Ihr einziges Kind starb kurz nach der Geburt, und nun sind nur sie und ihr Mann übrig geblieben, Strandgut der leidvollen Geschichte im Nordkaukasus. Mit Gelegenheitsarbeiten halten sich die beiden Pensionäre über Wasser. Was empfindet sie als Russin, wenn sie sich die von Russen angerichteten Zerstörungen in Grosny anschaut? «Schmerz», presst die Frau zwischen Tränen hervor. Eine tschetschenische Frau, die zum Einkaufen gekommen ist, beginnt plötzlich wütend zu protestieren: «Warum müsst ihr mit dieser Russin sprechen, wo wir doch derart grosse Probleme haben?» Eine kleine Ansammlung entsteht, die Stimmen werden allseits lauter. Die bewaffneten Wächter drängen zum Aufbruch, allzu schnell könnte die Situation ausser Kontrolle geraten. «In Grosny», sagt der Sicherheitschef, «ist die nächste Waffe oder Handgranate nie weit weg.»


NZZ
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Alt 25.10.2002, 19:55   #5
Eliska
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Posting Putins tschetschenische Verantwortung

Wie immer das Geiseldrama in einem Moskauer Theater ausgehen mag - Präsident Putin trägt dafür entscheidende Mitverantwortung. Diese Verantwortung bezieht sich nicht allein auf die - hoffentlich glimpfliche -«Lösung» der ruchlosen Geiselnahme von mehreren hundert unschuldigen Theaterbesuchern durch tschetschenische Terroristen. Sie bezieht sich vor allem auf die Entwicklung der tschetschenischen Tragödie in den letzten drei Jahren.Im Oktober 1999 hatte der damals frisch ins Amt berufene Ministerpräsident Putin die Entscheidung zu einem neuen Feldzug der russischen Streitkräfte gegen die kleine Republik im Nordkaukasus getroffen. Dieses forsche Vorgehen machte ihn in der russischen Öffentlichkeit sofort populär. Es war die vermeintlich einzig richtige Antwort auf eine Reihe grauenvoller Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Moskau und andern russischen Städten. Die Verantwortung für diese Verbrechen schob man tschetschenischen Terroristen in die Schuhe, obwohl die schlimmsten dieser Anschläge bis heute nicht aufgeklärt sind. Putin wurde wenige Monate später mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten und Nachfolger seines Mentors Jelzin gewählt.

Doch entgegen Putins Versprechungen ist auch drei Jahre später die tschetschenische Frage in keiner Weise gelöst. Noch immer vegetieren in der Nachbarrepublik Inguschetien und in andern Notunterkünften im Kaukasus um die 200 000 Flüchtlinge dahin. Ihre Häuser sind zerstört. Die meisten wehren sich gegen eine forcierte Rückkehr in unzumutbare Lebensbedingungen. Auch in den intakteren Siedlungen Tschetscheniens wird die Bevölkerung von einer verwilderten Soldateska ständig erpresst und bei sogenannten Säuberungen durch willkürliche Gewaltakte gequält.

Die im Untergrund kämpfenden und von schwer zugänglichen Gebirgstälern aus agierende tschetschenische Guerilla ist - trotz gegenteiligen Beteuerungen in Moskau - bei weitem nicht besiegt. Jede Woche werden auf russischer Seite neue gefallene Soldaten gemeldet. Nach offiziellen Angaben sind in den letzten drei Jahren gegen 4500 Armeeangehörige umgekommen, kritischere Quellen sprechen von über 6500 Toten. Für die Toten auf tschetschenischer Seite - Partisanen und Zivilisten - gibt es noch weniger verlässliche Zahlen.

Putins kardinaler Fehler in der Tschetschenienfrage besteht darin, dass er seine Armee weitgehend unkontrolliert Krieg auch gegen eine unschuldige Zivilbevölkerung führen lässt. Die Gewalt tschetschenischer Guerillakrieger wird in unzähligen Fällen immer wieder mit undifferenziertem Gegenterror bekämpft. Das treibt den Militanten offenbar ständig neuen Nachwuchs in die Arme. In einiger Hinsicht gleicht Putins Krieg gegen die tschetschenischen Widerstandskämpfer der Taktik des israelischen Regierungschefs Sharon in den besetzten Gebieten: Terrorbekämpfung ohne viel Rücksicht auf die mitbetroffene Zivilbevölkerung und ohne Angebot einer glaubwürdigen politischen Lösungsperspektive.Die tschetschenischen Extremisten sind natürlich mitschuldig an dieser Tragödie. Die skrupellosen Geiselnehmer und islamistisch verbrämten Fanatiker in den Reihen des stolzen Kaukasusvolkes haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Chance für eine unabhängige tschetschenische Republik, die sich 1996 nach dem ersten Krieg eröffnet hatte, leichtfertig verspielt worden ist. Kaum zu bestreiten ist auch, dass es zwischen Terrorzellen der Kaida und einigen Gruppen unter der tschetschenischen Guerilla engere Verbindungen gibt.

Doch alle Gegner der russischen Kolonialmacht unter dem Einmillionenvolk der Tschetschenen pauschal mit diesen Terroristen in den gleichen Topf zu werfen und jeden ernsthaften Dialog mit gemässigteren Widerstandskräften zu verweigern, bleibt eine kurzsichtige Politik. Der 1997 gewählte und vor drei Jahren in den Untergrund abgetauchte tschetschenische Präsident Maschadow hat Putin immer wieder zu Gesprächen über eine Verhandlungslösung aufgefordert. Sprecher Maschadows haben sich von der Geiselnahme in Moskau distanziert.

Wenn Putin einen ehrlichen Frieden in Tschetschenien anstrebt, dann muss er sich unter der leidenden Masse der Bevölkerung endlich um echte Vertrauensbildung bemühen. Mit militärischer Gewalt, leeren Versprechungen und Dialogverweigerung wird er diese schwärende Wunde nie heilen können.

R. M.
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Alt 25.10.2002, 21:49   #6
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Natürlich geht es auch hier um Rohstoffe

um unser Auto-Benzin sozusagen :

Perry
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Alt 25.10.2002, 22:38   #7
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Ja, Perry, danke für diesen Beitrag.

Dazu fiel mir das Sprichwort ein "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf."

Eliska
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Alt 26.10.2002, 02:30   #8
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Moskau (dpa) - Ein Krisenstab ringt in Moskau mit den tschetschenischen Geiselnehmern um eine Freilassung der etwa 700 Geiseln. Dem Stab gehören unter anderem Vizeinnenminister Wladimir Wassiljew, Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow, der Polizeichef der Stadt, Wladimir Pronin, und nicht genannte Spezialisten der Polizei und des Inlandsgeheimdienstes FSB an. Die öffentlich wahrnehmbaren Kontakte zu den Geiselgangstern laufen über mehrere Personen:

- Leonid Roschal: Der Kinderarzt und Leiter des Instituts für Katastrophenmedizin hat in Tschetschenien gearbeitet. Als Vertreter des Roten Kreuzes durfte er die Geiseln mehrfach untersuchen und Medikamente verteilen. Am Freitag erreichte er eine Versorgung der Geiseln mit frischen Lebensmitteln.

- Anna Politkowskaja: Die Journalistin der unabhängigen Zeitung «Nowaja Gaseta» deckt seit Jahren die Menschenrechtsverletzungen im Tschetschenien-Krieg auf - zum großen Missfallen des Kremls. Sie handelte den Geiselnehmern am Freitag gemeinsam mit Roschal das Zugeständnis ab, die Gefangenen mit Essen versorgen zu dürfen.

- Josif Kobson: Der populäre Schlagersänger («Russlands Frank Sinatra») ist zugleich Abgeordneter im Parlament. Außerdem werden ihm enge Verbindungen zur organisierten Kriminalität nachgesagt. Jeweils nach seinen Gesprächen mit den Rebellen wurden am Donnerstag und Freitagmorgen einige Geiseln freigelassen. Ein Besuch der Schlagerdiva Alla Pugatschowa in dem Theater brachte kein Ergebnis.

- Jewgeni Primakow: Der ehemalige Ministerpräsident Russlands sprach am Freitag als bislang ranghöchster Politiker mit den Geiselnehmern. Direkt nach der Begegnung in dem besetzten Musical-Theater traf er mit Präsident Wladimir Putin zusammen.

- Grigori Jawlinski: Der altgediente Liberale, einer der wenigen erklärten Gegner des Tschetschenien-Krieges in der russischen Politik, schaltete sich in der Nacht zum Freitag in die Verhandlit den Geiselgangstern ein. Außerdem traten weitere liberale Politiker wie Irina Chakamada und Boris Nemzow, der frühere Präsident der kaukasischen Teilrepublik Inguschetien, Ruslan Auschew, sowie einige Moskau-treue Tschetschenen in Kontakt mit den Geiselnehmern.

- Sergej Ignatschenko: Über den stellvertretenden Pressesprecher des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB laufen die offiziellen Informationen aus dem Krisenstab in der Nähe des Theatergebäudes. Allerdings sind seine Äußerungen oft als Zweckpropaganda erkennbar.

- Oleg Bespalow: Der Parlamentsabgeordnete aus der Ukraine verhandelt über einen nicht genannten Mittelsmann über die Freilassung der 23 ukrainischen Geiseln.


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Eröffnung der dritten Front

Mit ihrer Geiselnahme drohen die islamistischen tschetschenischen Rebellen nicht nur Wladimir Putin, sondern auch dem tschetschenischen Präsidenten Maschadow. Längst gibt es im Tschetschenien-Krieg mehr als zwei Fronten.

Von Martin Schwarz

Die tschetschenischen Rebellen, die in einem Moskauer Theater hunderte Geiseln genommen haben, sind eher Selbstmord-Attentäter denn Geiselnehmer. Mit welchem Fatalismus und welcher Verachtung sie die Aktion planten, zeigt die Erklärung auf der Rebellen-Website kavkaz.org: Sie seien nach Moskau gekommen, um „zu sterben, nicht um zu überleben“, wird dort der Anführer der Terroristen-Gruppe, Mowsar Barajew, zitiert. Eine Terminologie, die nur islamische Fundamentalisten so klar beherrschen.
Dass die Geiseln mit ihren Mobiltelefonen ihre Familien, Freunde und auch Medien anrufen dürfen, erinnert frappant an die Ereignisse des 11. September, als Passagiere der entführten amerikanischen Flugzeuge ihren Überlebenskampf geschildert hatten.


Kampf für den Gottesstaat

Mowsar Barajew, ein Neffe des im Juni 2001 getöteten islamistischen Rebellen-Chefs Arbi Barajew, gehört tatsächlich zu jener Gruppierung tschetschenischer Separatisten, deren Priorität nicht die Herstellung tschetschenischer Unabhängigkeit ist, sondern vor allem die Einführung eines islamischen Gottesstaates im säkularen Tschetschenien.

Ihnen werden enge Verbindungen zu entsprechenden Organisationen nachgesagt. Schon im Jahre 1998 hat der Barajew-Clan vier aus dem Westen stammende Mitarbeiter von Hilfsorganisationen entführt und getötet. Damals hatte der Westen ein Lösegeld von zehn Millionen Dollar aufgebracht, die vier Männer wurden trotzdem getötet. Russische Medien verbreiteten sogar das Gerücht, Osama bin Laden habe dafür die doppelte Summe gezahlt.

Die Forderung der Terroristen, Russland müsse binnen sieben Tagen seine Truppen aus Tschetschenien abziehen, ist nach realpolitischen Gesichtspunkten vollkommen unrealistisch. Russlands Präsident Wladimir Putin könnte, selbst wenn er es will, eine derartige Forderung nicht erfüllen.

Seit 1999 sind zehntausende Sioldaten wieder in dem Land und kämpfen mit allen Mitteln den zweiten Tschetschenien-Krieg Russlands. Trotz äußerster Härte haben sie ihn bisher nicht gewonnen. Erfolgreich ist die Taktik trotzdem nicht. Der russische Verteidigungsminister Sergej Iwanow wollte bereits im Frühling 2002 alle «Terroristennester» ausgerottet und dann einen Abzug russischer Truppen aus Tschetschenien verwirklicht haben. Sie sind noch immer dort.


Drei Fraktionen in Tschetschenien

In dieser Maximalforderung wird vor allem aber die zunehmende Fragmentierung der tschetschenischen Rebellen deutlich. Die nämlich sprechen schon längst nicht mehr mit einer Stimme, sondern haben sich in drei große Fraktionen geteilt: Die Gruppierung rund um die beiden islamistischen Warlords Shamil Bassajew und Habib Abdel Rahman Khattab. Die Fraktion des eher aus ökonomischen Motiven handelnden Ruslan Gelajew, und die des gewählten «Präsidenten» Aslan Maschadow.

Die beiden letzteren aber haben mit dem Fundamentalismus von Bassajew, Khattab und dem derzeit in Moskau agierenden Kommando nichts zu tun. Wie überhaupt islamischer Fundamentalismus in Tschetschenien eher importiert sein dürfte: «Natürlich gibt es da Verbindungen. Aber es ist Unsinn, zu behaupten, dass der muslimische Fundamentalismus Rückhalt in der Bevölkerung Tschetscheniens hätte. Was jene tschetschenischen Führer anbelangt, die tatsächlich Verbindungen zu Al Qaeda haben – nämlich Shamil Bassajew und Khattab – so waren sie doch isoliert», sagte die Moskauer Journalistin und Tschetschenien-Korrespondentin der «Nowaja Gazeta», Anna Politkowskaja, der «Netzeitung».


Russland akzeptiert nur Maschadow

In den letzten Monaten kam es immer wieder zu zaghaften semi-offiziellen Verhandlungen zwischen Vertretern der russischen Regierung und dem Umfeld von Aslan Maschadow. Die Fundamentalisten dagegen werden immer mehr isoliert und vom großen Spiel um eine Unabhängigkeit nach ihren Vorstellungen ausgeschlossen.

Auch die russische Armee konzentrierte sich in den letzten Monaten weniger auf die Kontrolle des ganzen tschetschenischen Gebietes (etwas, was sich schon Mitte der 90er Jahre als unmöglich herausgestellt hatte), sondern eher auf gezielte Aktionen gegen Terroristen. Diese Taktik wurde nach dem 11. September noch verstärkt und ließ sich von Putin hervorragend als «Kampf gegen den Terror» nach amerikanischen Maßstäben verkaufen.

Für die Tschetschenen hat sich die Lage seitdem massiv verschlechtert. «Seit dem 11. September ist alles schlimmer geworden, und die zaghaften Versuche, die Menschenrechtsverletzungen der russischen Truppen intern aufzuklären, wurden wieder eingestellt», urteilt Rachel Denber, die stellvertretende Direktorin von Human Rights Watch in New York gegenüber der «Netzeitung».

All das sind aber Zeichen dafür, dass die russische Seite Aslan Maschadow als Verhandlungspartner ausgewählt hat und sich voll auf ihren Kampf gegen die fundamentalistischen Gruppierungen konzentriert.


Warnung an alle Seiten

Mit der Geiselnahme von Moskau haben nun die Fundamentalisten unter den Rebellen ein Signal gesetzt: «Wir sind noch da». Damit bieten sie sich der russischen Seite zwar nicht als Verhandlungspartner an, stärken aber doch ihr internationales Profil und bewerben sich als Machtfaktor, der nicht zu übersehen ist.

Aslan Maschadow verliert außerdem seinen bisherigen Alleinvertretungsanspruch für die separatistischen Tendenzen der Kaukasus-Republik. Das wiederum stellt die russische Regierung vor ein Dilemma, das die israelische schon lange mit den Palästinensern hat: Es gibt keine Telefonnummer und keinen Ansprechpartner, der tatsächlich verbindlich verhandeln könnte. Zusagen gelten höchstens für eine Gruppierung, nie für den gesamten Kampf.

Gleichzeitig bedroht die Geiselnahem die politische Position von Wladimir Putin: Er bot sich den Russen als jener Mann an, der das Tschetschenien-Problem zu lösen imstande ist – immerhin hatte er schon im April 2000 den Sieg verkündet. Dazu ist er aber offensichtlich nicht in der Lage und vielleicht auch gar nicht Willens. Hinzu kommt, dass in den nächsten Wochen zu klären sein wird, wie eine große Gruppe von schwer bewaffneten Rebellen durch Moskau spazieren und vier Kilometer vom Kreml entfernt hunderte Menschen als Geiseln nehmen konnte. Vom ehemaligen Offizier des sowjetischen Geheimdienstes hätten sich die Moskowiter wohl mehr Sicherheit erwartet.


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Alt 26.10.2002, 02:54   #10
Eliska
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Posting Rebellen fordern von Putin Erklärung zu Tschetschenien-Krieg

Erstmals haben die tschetschenischen Rebellen in Moskau zugestimmt, direkt mit der russischen Regierung zu verhandeln. Sie erhoben am Freitagabend neue Forderungen - unter anderem soll Putin das Ende des Tschetschenien-Krieges erklären.

Die tschetschenischen Geiselnehmer in Moskau haben sich zu Verhandlungen mit der russischen Regierung bereit erklärt. Ein Vermittler sagte am Freitag, die Rebellen hätten einem direkten Kontakt mit einem Vertrauten von Präsident Wladimir Putin zugestimmt. Die Rebellen wollten «alle Fragen mit Abgesandten des russischen Präsidenten entscheiden», sagte der frühere Präsident der tschetschenischen Nachbarrepublik Inguschetien, Ruslan Auschew, dem Fernsehsender Rossia.
Die Geiselnehmer stellten zudem die Bedingung, Putin müsse erklären, dass der Krieg in Tschetschenien beendet sei. Anschließend müsse der Abzug der Truppen aus der Kaukasus-Republik verifiziert werden. Das übermittelte die russische Journalistin Anna Politkowskaja, die fünf Stunden lang mit den Rebellen im Theater verhandelt hatte.

Politkowskaja erklärte, die Kidnapper wollten der Regierung nicht viel Zeit geben, auf ihre Forderungen einzugehen. Die Geiselnehmer forderten den sofortigen Truppenabzug aus zumindest einer Region der Kaukasus-Republik. Wenn Russland nachweislich so viel guten Willen zeige, würden die Gefangenen freigelassen.



Putin macht keine Zugeständnisse

Putin deutete im Fernsehen Gesprächsbereitschaft an. Zugleich sagte er aber, er habe bereits Wege aufgezeigt. Der russische Präsident hatte vor etwa einem Jahr den tschetschenischen Rebellen Gespräche über eine Lösung des Konflikts angeboten.

Bislang hatten die Tschetschenen direkte Kontakte mit der Regierung abgelehnt. Am Freitag hatten sie der Regierung ein Ultimatum für 22 Uhr Ortszeit (20 Uhr MESZ) gestellt, Pläne für einen Truppenabzug in Tschetschenien vorzulegen. Offenbar wollen sie nun aber bis Samstagmorgen abwarten.


Erschießung für sechs Uhr morgens angekündigt

Der Radiosender Moskauer Echo berichtet, am Samstag um sechs Uhr (vier Uhr MESZ) wollten die Tschetschenen mit der Ermordung der ersten Gefangenen beginnen, falls ihre Forderungen nicht erfüllt würden.

Dem russischen Fernsehsender ORT zufolge ließen die Tschetschenen kurz nach Mitternacht Moskauer Zeit nochmals einen Arzt in das Theater. Zudem seien mehrere Kamerateams und Journalisten eingelassen worden.


Mehrere Geiseln freigelassen

Am Freitagabend ließen die Rebellen zunächst vier weitere Geiseln frei, drei Frauen und einen Mann aus Aserbaidschan. Das bestätigte der russische Krisenstab.

Am frühen Samstagmorgen wurden zwei weitere Geiseln von Medizinern aus dem Gebäude getragen, berichet Interfax. Zunächst war unklar, ob sie krank oder tot waren.

Bereits in der Nacht auf Freitag hatten die Rebellen sieben Gefangene, am Morgen weitere acht Kinder frei gelassen. Bis zu 700 Menschen befinden sich derzeit noch in dem Moskauer Theater. Am frühen Samstagmorgen erklärte allerdings ein Tschetschene per Handy, weitere Geiseln würden nicht mehr freigelassen.

Der amerikanische Fernsehsender CNN berichtet, die russische Regierung habe angekündigt, sie werde das Theater stürmen, wenn die Rebellen anfangen sollten, Geiseln zu erschießen. «Dann haben sie eine rote Linie überschritten», zitierte CNN einen Sprecher.


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Alt 26.10.2002, 09:09   #11
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Pfeil Einsatzkräfte befreien Geiseln in Moskauer Theater

Truppen stürmten Gebäude

Zweieinhalb Tage nach der Besetzung eines Moskauer Theaters durch tschetschenische Rebellen haben russische Einsatzkräfte die rund 700 Geiseln befreit. Das meldete die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf russische Behörden. Bei der Befreiungsaktion wurden nach Angaben des Moskauer Bürgermeisters, Juri Luschkow, bis zu 30 Geiseln getötet. Bevor das Gebäude gestürmt wurde, waren mehrere Explosionen und Schüsse zu hören gewesen. Nach Angaben des russischen Krisenstabs hatte das Rebellenkommando damit begonnen, die Geiseln zu töten.


Alle ausländischen Geiseln haben nach russischen Angaben überlebt. Dies hätten die Behörden ihm versichert, sagte ein ranghoher Vertreter der australischen Botschaft in Moskau, Kevin Magee.

Hunderte von Menschen liefen nach der Befreiung aus dem Gebäude. Mehrere Dutzend von ihnen wurden in Bussen abtransportiert. Sicherheitskräfte trugen die Getöteten aus dem Gebäude, Ärzte kümmerten sich um die Verletzten.

36 Rebellen seien tot, sagte der stellvertretende russische Innenminister Wladimir Wassiljow. Auch der Rebellenführer Mowsar Barajew soll den Behörden zufolge tot sein. Bei der Stürmung des Theaters seien auch alle Geiselnehmerinnen getötet worden, "die einen Sprengstoffgürtel trugen", sagte Wassiljow dem russischen Sender ORT. Es sei nicht ausgeschlossen, dass einige Rebellen fliehen konnten. Möglicherweise würden sie versuchen, sich unauffällig unter die Menge zu mischen und das Gelände zu verlassen.

Die Geiselnehmer hätten trotz aller Bemühungen des Krisenstabs damit begonnen, die festgehaltenen Menschen zu erschießen, sagte der russische Geheimdienst-Sprecher Sergej Ignatschenko im Fernsehsender Kanal Eins. Zunächst seien zwei Geiseln getötet worden. Daraufhin habe eine Gruppe von Menschen zu fliehen versucht und die Rebellen hätten auf sie geschossen. Das Sonderkommando sei deshalb gezwungen gewesen, in das Gebäude einzudringen.

Bis zu 50 tschetschenische Rebellen hatten das Gebäude am Mittwochabend gestürmt und mit der Ermordung der rund 700 Geiseln gedroht, wenn Russland seine Truppen nicht aus der abtrünnigen Kaukasusrepublik Tschetschenien abziehe. Die Geiselnehmer hatten das Theater angeblich vermint. Vor der Stürmung des Gebäudes habe es stark nach Gas gerochen, sagte eine Geisel am Telefon. Ein Ultimatum der Rebellen an die russische Regierung war um 04.00 MESZ abgelaufen.


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Alt 26.10.2002, 09:25   #12
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Alt 26.10.2002, 09:57   #13
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Plaudern

Darf ich das mal sagen ?

Geil, absolut geil !!!

Narkosegas. Genauso hatte ich mir das gestern Abend noch vorgestellt gehabt.
Hab überlegt, ob das schnell genug ginge, ohne daß die ihre Gürtel zünden.

Super !

Diesem Scheiß Terrorismus muß endgültig der Garaus gemacht werden.

Ach übrigens, wenn diese selbsternannten Heldenkämpfer an die Macht kommen geht es dem Volk meistens noch schlechter als vorher. Dafür gibt es genug Beispiele in den letzten hundert Jahren.

Perry, megafreu
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Alt 26.10.2002, 23:35   #14
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Posting

Offenbar hunderte Moskauer Geiseln bei Befreiung durch Gas vergiftet

...

Quelle: Yahoo.de
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Alt 28.10.2002, 08:37   #15
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Posting Streit zwischen Moskau und EU

Als Folge der Moskauer Geiselaktion hat die EU ein Gipfeltreffen mit dem russischen Präsidenten Putin von Kopenhagen nach Brüssel verlegt. Putin hatte gedroht, nicht an dem Treffen in Kopenhagen teilzunehmen, weil dort ein Weltkongress von Tschetschenen stattfindet. Unterdessen wird heute in Russland mit einer Staatstrauer der 117 getöteten Geiseln gedacht.

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http://www.spiegel.de/politik/ausla...u-a-220163.html
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